Hotels unter 100 Euro: Im Orient-Salon
Er sammelt turkmenische Fransenbordüren und lädt Gäste auf einen Joint in seine Wohnhöhle: Im Kybele in Istanbul ist nicht nur der Chef ein Unikat.
© Kybele Hotel

Wie hier in der Lounge hängen überall im Kybele Hotel bunte Lampen - 4000 ingesamt
Eigentlich wollte Mike Akbayrak damals, vor zwanzig Jahren, gar kein Hotel eröffnen. Er träumte von einem Ort, an dem er mit seinen Freunden abhängen konnte. Außerdem brauchte er Platz für seine Sammlungen: Kalligrafien, alte Kameras, Porzellanuhren, Marmormörser, Teppiche, Kelims, afghanische Spinnrocken, turkmenische Fransenbordüren. Niemand besaß eine so große Sammlung jener Bordüren, mit denen die Nomaden in Turkmenistan ihre Zelte schmückten.
Im Hauptberuf war Mike Akbayrak Teppichhändler. Keiner, der Touristen auf dem Basar ansprach, darauf legt er Wert. Nein: Er handelte mit alten Stücken, am liebsten aus dem 18. Jahrhundert, fand sie in der ganzen Türkei und weiter östlich und verkaufte sie für viel Geld an reiche Amerikaner. Sogar in Boston hatte er für einige Zeit einen Laden.
Nun aber reizte ihn das schäbige Hostel direkt neben seinem Geschäft in Sultanahmet. Er kaufte es, ließ nur die Frontmauer stehen und errichtete dahinter – nun ja, ein Hotel. Erst acht, dann zehn, inzwischen 16 Zimmer, eine Gartenterrasse im Innenhof, eine Bibliothek. Ein Restaurant im Souterrain. Und das ganze Hochparterre eine einzige, gemütliche Lounge mit Sofas und Fauteuils.
Inzwischen ist Mike Akbayrak 56 Jahre alt, trägt einen zusammengedrehten Seidenschal wie einen Siegeskranz auf seiner Halbglatze, dazu Bluejeans und eine pinkfarbene Flatterjacke über dem T-Shirt: ein levantinischer Späthippie.
Vormittags, wenn die Sonne auf das Trottoir vor seinem Hotel scheint, frühstückt er dort inmitten seiner Gäste. Er gibt Tipps für die Stadtbesichtigung. (»Fünf Minuten zur Hagia Sofia, fünf Minuten zur Blauen Moschee, fünf Minuten zum Großen Basar. Und vergessen Sie nicht die byzantinische Zisterne, gleich dort vorn an der Ecke!«). Er warnt vor Straßenhändlern. (»Die wollen euch alle übers Ohr hauen. Feilschen entspricht nicht der türkischen Tradition.«)
Er macht Komplimente. »Sie sehen heute aus wie eine afrikanische Königin«, sagt er zu der alten Dame aus Kapstadt, die zu seinen Stammkundinnen gehört.
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Mehrmals im Jahr kommt sie nach Istanbul, um Stoffe zu kaufen, und in einen besonders schönen hat sie sich heute gehüllt. Obwohl sie nicht mehr besonders gut zu Fuß ist, wohnt sie in Mike Akbayraks Hotel. Hier gibt es zwar keinen Fahrstuhl, sondern nur enge, steile Treppen, dafür ist jedes Zimmer ein Kleinod, eingerichtet mit Antiquitäten aus Mike Akbayraks Sammlung.
In Zimmern, in der Lounge, im Restaurant hängen bunte Lampen dicht an dicht von der Decke. Etwa 4000 sind es insgesamt, und jede ist anders: aus alten Gläsern gefertigt, aus zerbrochenen Glaskugeln, aus Flaschenscherben. Diese Lampen sind es, die das Hotel heute zu einem Unikat machen. Und Mike Akbayrak selbst.
Wenn er Gäste mag, lädt er sie abends in seinen privaten Bereich unterm Dach ein, eine Wohnhöhle, in der es kein Tageslicht gibt, aber in jeder Ecke ein Geheimnis. »Mein Museum«, sagt er. Hier hat er die wertvollsten Teppiche gestapelt, hier hängen die turkmenischen Zeltfransen von der Decke. Man lümmelt auf Hockern und Kissen herum.
Mike baut sich in aller Seelenruhe einen Joint und erzählt von den wilden Hippiejahren, damals in den siebziger Jahren, in Kabul. Er doziert über Teppiche und darüber, dass es auch sehr alte gebe, die hässlich und deshalb wertlos seien. Dann greift er zum Telefon und lässt noch mehr Bier aus dem Restaurant hochbringen, Tee, Kebab, Brot.
Und irgendwann begreift man, dass das alles hier wirklich kein Hotel ist. Sondern der orientalische Salon des Mike Akbayrak, Teppichhändler, Bonvivant und Späthippie. Ein Ort seiner Träume und ein wunderbares Hobby, wie er selber sagt.
Kybele Hotel, Yerebatan Caddesi 35, Sultanahmet, 34410 Istanbul, Türkei, Tel. 0090-212/5117766, www.kybelehotel.com. DZ ab 100 Euro inklusive Frühstück







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