Biografie Ein Mann auf der Flucht
Unversöhnt am Ende: Das Leben des Regisseurs Peter Zadek
Geplant waren noch ein vierter, fünfter und sechster Band von Peter Zadeks Memoiren, so schreibt seine Frau Elisabeth Plessen im Vorwort zum drittem Memoirenband, Die Wanderjahre. Zadek wollte noch viel mehr erzählen. Doch dieser dritte Band ist nun der letzte; der Regisseur, der nicht vorhatte, mit der Arbeit je aufzuhören, starb am 30. Juli 2009, 83 Jahre alt.
Das Sterben hielt Zadek für ein idiotisches Konzept. "Wenn man endlich wirklich etwas vom Leben versteht, dann stirbt man", sagte er in einem späten Interview, das Elisabeth Plessen zitiert: "Es ist, als ob Gott zu feige wäre, zuzulassen, dass es Leute auf der Welt gibt, die ihn durchschauen."
Dass die Herausgeber Elisabeth Plessen und Helge Malchow (der auch Zadeks Verleger und Interviewpartner ist) den hellen Titel Die Wanderjahre wählten für ein Buch, das doch eher vom Ende der Wanderung handelt, ist wie eine letzte Verneigung vor einem Mann, der nicht alt werden konnte, da eine spezielle Mischung aus Neugierde und Langeweile ihn in Unruhe hielt. Er wollte immer noch mehr über die Menschen erfahren, und das konnte er nur, indem er Stücke inszenierte. Seine Kunst war es, wie er selbst sagte, durch andere Menschen zu denken.
Die Wanderjahre beschreibt die Zeit von 1979 bis zu Zadeks Tod; am Ende bleibt tatsächlich der Eindruck, von einem unabgeschlossenen, vom Tod überraschten Leben erfahren zu haben. Zadeks Leben muss ein Provisorium, eine aufgeschobene Heimkehr gewesen sein: ein Dasein in Aufbrüchen, Kündigungen, Umzügen.
Er war zeitlebens ein fliehender Mann, und das hängt mit seinem Geburtsland und seiner Geburtsstadt, Berlin, zusammen. "Berlin scheint mich zu Fluchten zu ermuntern", schreibt Zadek, und tatsächlich floh er aus ihr mehrmals, zum ersten Mal 1933 (mit seiner jüdischen Familie vor den Nazis); zum letzten Mal 1996 (als er aus dem Fünferdirektorium des Berliner Ensembles ausstieg).
Die Stadt peinigte ihn. Das berühmte Berliner Publikum? "– habe ich in Berlin nicht gefunden." Warum? "Weil dieses tolle Berliner Publikum zu einem großen Teil aus Juden bestanden hatte, und die waren nicht mehr da. Die waren nämlich tot."
Welcher Grimm steckt in diesem "nämlich"! Zadeks Urteil übers heutige Berliner Publikum: Es ist schnell, wenn etwas witzig ist. Und dann wird es umso schneller müde. Es ist "absolut unbrauchbar" für den leisesten Hauch von Poesie. Weil: der Berliner muss immer gleich wieder weiter, er hat ja noch was anderes vor, Poesie dauert ihm zu lange.
- Datum 22.10.2010 - 15:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.10.2010 Nr. 42
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