Hotels unter 100 EuroDüster duftend

Körbe voller Lavendel in jedem Zimmer und finstere Gemälde an der Wand. Wer in der Locanda in Bibbona absteigt, erlebt die Toskana als schönes Schauermärchen. von 

Regenbogen über der Toskana

Regenbogen über der Toskana   |  © FABIO MUZZI/AFP/Getty Images

Ich dachte immer, in die Toskana muss man als Deutscher nicht reisen. Die Toskana ist eine schöne, leider etwas abgenutzte Geliebte, von illustren Dichtern tausendmal umarmt: »Ich weiß nicht, ob die Erde Schöneres hat / Paläste streift bei jedem Schritt mein Blick…«

Doch es ist nie zu spät, seine Vorurteile zu korrigieren. Es ist, um genau zu sein, jetzt 22 Uhr, und wir sind unterwegs zur Locanda, einer kleinen steinalten Herberge im toskanischen Hinterland – wo alles anders sein wird als gedacht. Nicht blumig, palastprächtig, marmorkatholisch. Sondern eine Atmosphäre zwischen schauerlich und schön.

Anzeige
Sanfte Töne: Die Inhaber der Locanda di Villa Toscana sind Innenarchitekten

Sanfte Töne: Die Inhaber der Locanda di Villa Toscana sind Innenarchitekten  |  © Stefano Scata

Die Autofahrt auf der Via Aurelia hatte schon etwas Düsteres. Irgendwo links mussten Weinberge sein, rechts das Tyrrhenische Meer, aber wir sahen nur geisterhafte Alleebäume und bei Cecina eine Tankstelle, die wie die vergessene Laterne eines Herkules leuchtete.

Schon seltsam, auf dieser zweitausend Jahre alten Römerstraße südwärts zu rollen. Dann der Abzweig zum Dorf Bibbona. Aber was heißt Dorf? Eine steile, schmale Straße, die aus der Nacht kommt und nach zweihundert Metern wieder in der Nacht verschwindet. Unten eine neonbeleuchtete Bar, davor sitzen auf weißen Plastikstühlen ein Dutzend Opas und Bauarbeiter. Oben hocken an einem Mäuerchen die Damen. »Scusi, wo finden wir La Locanda di Villa Toscana?« Gleich gegenüber der Bar.

Die schönsten Hotels unter 100 Euro finden Sie in der Sonderbeilage ZEIT-REISEN. Oder wenn Sie auf dieses Bild klicken

Die schönsten Hotels unter 100 Euro finden Sie in der Sonderbeilage ZEIT-REISEN. Oder wenn Sie auf dieses Bild klicken  |  © Cyrus Saedi

Die Toskana kann auch gruselig sein. In der ersten Nacht haben wir die Herberge ganz für uns allein. Wir inspizieren sie wie ein Commissario aus einem dieser Ferienkriminalromane. Das Gewölbe des Frühstücksraumes mit den silbernen Kandelabern und dem toten Hahn als Stillleben. Wohin mag der Kellergang führen? Wir schließen ihn vorsichtshalber ab. Dann die steinernen Stufen hinauf in den ersten Stock mit seinen vier Zimmern. Unseres duftet wie das ganze Haus nach Lavendel, Körbe voll Trockensträußen stehen herum. Knarzendes Holz und glatter Batist.

Nicht umsonst sind die Besitzer Innenarchitekten und haben mit ihrer Ladenkette Villa Toscana ein Vermögen gemacht. Wenn bloß dieses dunkle Porträt einer unbekannten Dame nicht wäre, die uns genau aufs Bett schaut. Wir erwägen, sie mit einem Handtuch zu verhängen. Wir erinnern uns plötzlich, dass in der Toskana Leonardos Leda auf dem Scheiterhaufen verbrannt und Galilei beinahe hingerichtet wurde. Hilfe! Von draußen der Lärm der Zecher begleitet uns in unruhige Träume.

Doch am anderen Morgen vor der Herbergstür herrscht eitel Sonnenschein.Wir entdecken, dass dieses unscheinbare Dörflein vier Kirchen hat, eine Piazza Antonio Gramsci und einen Hügel mit Blick zum Meer. Dort badet man im September fast allein. Erste Reihe im Strandkarree der 360 Liegestühle. Das Wasser warm, die Urlauber weg. In Wahrheit ist die Toskana noch tausendmal schöner als in den Reiseberichten der deutschen Dichter. Nein, wir fahren nicht nach Pisa, Siena, Florenz. Uns genügt unser Bibbona.

La Locanda di Villa Toscana, Via Vittorio Emanuele 41, 57020 Bibbona, Italien, Tel. 0039-0586/671936, www.lalocandadivillatoscana.it. DZ ab 99 Euro

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. In Firenze geboren habe ich die ersten 14 Jahre meines Lebens, jedes Jahr 3-4 Monate in Saltino/Vallombrosa("schattiges Tal") in 1000 m ü.NN und 40 Fahrkilometer von Florenz entfernt, verbracht.
    Auch heute noch - nach über 60 Jahren ist die Gegend(bis zu 1500 m hoch:Monte Secchieta)vom Tourismus noch kaum erobert!
    !953 mit meinen Eltern nach Deutschland zurückgekehrt(und Deutsch in einem Jahr gelernt)rissen meine Verbindungen zur Toscana bis heute nicht ab,da meine Großmutter Florentinerin war(mein Großvater Pforzheimer)und ich noch einige Cousins und Cousinen dort habe.
    Mindestens einmal im Jahr war ich bis heute noch dort.
    Solche traumhaft schöne und vor allem nicht vom Tourismus überlaufene Gegenden gibt es in der Toscana noch viele -man muss sie nur suchen.
    Avanti! il toscano

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Hotels unter 100 Euro
  • Schlagworte Euro | Antonio Gramsci | Italien | Toskana | Florenz
Service