Polen holen? Ende September war das die Intention, als ein gutes Dutzend deutscher Unternehmen in Stettin während der Ausbildungsmesse "Vocatium Oderregion" versuchte, polnische Jugendliche als Lehrlinge anzuwerben. Zum Beispiel die Eisengießerei Torgelow aus Mecklenburg-Vorpommern: Weil von 40 Ausbildungsstellen in diesem Jahr nur 24 besetzt werden konnten, "geben wir prinzipiell jedem eine Chance", sagt Erich Brandauer. Er warb in Stettin für seine Firma. Oder die PCK-Raffinerie in Schwedt: "Wenn die Polen kommen wollen", meint deren Sprecherin Roswitha Flöter, "stellen wir hier ganz bestimmt keine Hindernisse auf."

Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern hat der Lehrlings- und Facharbeitermangel längst dazu geführt, dass die Unternehmen gen Osten blicken. Weil zudem von Mai 2011 an der deutsche Arbeitsmarkt endgültig auch für die meisten Osteuropäer geöffnet wird, fallen die letzten rechtlichen Schranken etwa bei der Beschäftigung polnischer Gastarbeiter. Bei den Nachbarn werden denn auch bereits Sorgen laut: Die polnische Zeitung Nasz Dziennik wittert deutsche "Kampagnen, um wertvolle Arbeitskräfte" abzuwerben. "Die Deutschen kaufen Polens Arbeitsmarkt leer", titelte auch die Warschauer Gazeta Wyborcza .

Die Ängste sind wahrscheinlich unbegründet. 2009 arbeiteten laut polnischen Statistiken rund 415.000 Polen in Deutschland; 2011 werden es nach den Prognosen von polnischen Experten nicht viel mehr sein. Auch deutsche Fachleute glauben nicht an einen Massenansturm von Arbeitssuchenden wie etwa 2004 in Großbritannien. Damals machten sich dort zwei Millionen Polen auf die Suche nach neuen Jobs. Nach Modellrechnungen der Bundesagentur für Arbeit in Kiel dürften in den kommenden vier Jahren insgesamt höchstens 250000 polnische Arbeitskräfte zusätzlich den Weg nach Deutschland finden. "Unseren Mangel an Lehrlingen und Fachleuten werden polnische Jugendliche und Erwachsene ganz bestimmt nicht auflösen", sagt Jürgen Goecke, Geschäftsführer der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur in Kiel.

Goecke glaubt, dass dies nicht zuletzt an den im Vergleich zu anderen Ländern teilweise schlechteren Verdienstmöglichkeiten in Deutschland liegt. "Gerade gut ausgebildete Polen werden sich nicht mit geringen Löhnen abspeisen lassen", sagt er. Ähnlich sieht das Gregor Tschaikowsky, der Chef des Leiharbeitsunternehmens Denova in Opole (Oppeln): "Die Leute hier wissen, was ihre Arbeit wert ist. Aus diesem Grund gehen qualifizierte Fachkräfte schon jetzt oft lieber nach Österreich."

Trotzdem dürfte in einzelnen Branchen und Betrieben in Deutschland künftig öfter mal polnisch gesprochen werden. Bei der Niederlassung der Zeitarbeitsfirma Adecco in Warschau registriert man "eine steigende Nachfrage nach Klempnern, Schweißern, Kranführern und Schlossern"; der Medizin- und Pflegedienstleister Promedica24 berichtet von einem größeren Interesse an Pflegejobs. "Die Zahl der Anträge auf eine Arbeitserlaubnis für Deutschland ist um 15 bis 20 Prozent gestiegen", sagt Mateusz Sobula, der Sprecher der seit 2005 in Deutschland tätigen Firma.

Neben Industriebetrieben, Pflegestationen und Privatleuten suchen auch Hotels und Restaurants in Polen nach Personal, vor allem solche aus den von Abwanderung und Alterung besonders gebeutelten ostdeutschen Grenzregionen. Allein Mecklenburg-Vorpommern verliert nach Angaben Jürgen Goeckes jedes Jahr 14.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter. Zudem verzeichnet das Bundesland heute 40 Prozent weniger Schulabgänger als noch vor sechs Jahren. Die Praktiker registrieren das mit Grausen: Laut PCK-Sprecherin Flöter muss die Raffinerie ab 2015 rund ein Drittel der Belegschaft aus Altersgründen ersetzen. In der Eisengießerei in Torgelow liegt der Altersschnitt der 800 Köpfe zählenden Belegschaft trotz 190 Auszubildenden schon jetzt bei 45 Jahren. "Wir brauchen dringend junge Leute", sagt Erich Brandauer.

Polnische Lehrlinge haben während der Messe in Stettin freilich weder er noch Roswitha Flöter gefunden. Dass das aber möglich ist, beweisen die Aurelia-Hotels in Heringsdorf auf Usedom. Dort lernt seit dieser Saison der erste polnische Azubi. Außerdem beschäftigen die Hotels sieben polnische Fachkräfte. Allen solle der Vertrag verlängert werden, sagt der stellvertretende Hoteldirektor Henrik Böhnstedt: "Die sind gut. Die sollen bleiben."