DIE ZEIT: Ungewollte Kinderlosigkeit gilt bis heute vorwiegend als Problem der Frauen. Nun veröffentlichen Sie ein Buch über Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch (Kohlhammer Verlag). Was hat Sie dazu bewegt?

Petra Thorn: Es waren vor allem die betroffenen Männer. Wenn Paare keine Kinder bekommen können, liegt die Ursache in rund siebzig Prozent der Fälle beim Mann oder bei beiden Partnern gemeinsam. Nach seriösen Schätzungen sind bis zu 1,5 Millionen Männer in Deutschland von einer Zeugungsschwäche betroffen. Dennoch gibt es bislang kaum populärwissenschaftliche Literatur dazu. Sogar Das Samenbuch stammt von Vivian Marx, also einer Frau –…

ZEIT: …wie Sie! Männer scheinen sich nicht für ihre Fruchtbarkeit zu interessieren.

Thorn: Das ist falsch, auch wenn man schon den Eindruck bekommen könnte. Denn in Selbsthilfegruppen zur ungewollten Kinderlosigkeit tauchen Männer selten auf. Auch die diversen Internetforen zu diesem Thema sind fast reine Frauenklubs, in denen nicht selten über das schlechte Sperma der Männer diskutiert wird. Ich kenne keinen prominenten Mann, der sich jemals öffentlich zu seiner Zeugungsschwäche oder zur künstlichen Befruchtung bekannt hat, während Frauen – wie zuletzt die kanadische Sängerin Céline Dion – mit dem Thema offener umgehen. Als Wunschkind, der Verein der Selbsthilfegruppen, einen bekannten Schirmherrn suchte, handelte er sich nur Absagen ein. Die meisten angeschriebenen Männer antworteten nicht einmal.

ZEIT: Sexuelle Tabus gibt es kaum noch. Ist die männliche Unfruchtbarkeit eines der letzten?

Thorn: In Teilen ganz gewiss. Das Kinderkriegen ist per se eher ein Frauenthema. Ein Mann wird selten darauf angesprochen, ob und wann er denn einmal Kinder haben möchte. Und wenn es Probleme mit der Zeugungsfähigkeit gibt, tun sich viele Männer bis heute sehr schwer, darüber mit Verwandten, Freunden oder Kollegen zu sprechen oder sich Unterstützung zu suchen.

ZEIT: Aus Scham?

Thorn: Für viele Männer hängen Potenz und Fertilität unbewusst immer noch zusammen. Obwohl es mittlerweile bekannt ist, dass eine gestörte Zeugungsfähigkeit nichts mit der Sexualität zu tun hat, empfinden sie Unfruchtbarkeit als Angriff auf ihre Männlichkeit. Immer noch suchen die Frauen einen Arzt auf, wenn sie nicht schwanger werden. Obwohl es für den Mann viel einfacher ist, seine Zeugungsfähigkeit mit einem Spermientest zu prüfen. Aber glücklicherweise bricht das Tabu langsam auf.

ZEIT: Woran machen Sie diese Veränderung fest?

Thorn: Früher kamen in meine psychologische Praxis fast nur Frauen, selbst wenn die Ursache bei ihrem Partner lag. Heute dagegen berate ich in der Regel Paare. Manchmal – wenn auch selten – passiert es sogar, dass zuerst der Mann Hilfe sucht. Auch mein Buch ist ein Zeugnis dieser wachsenden Offenheit, denn daran haben ja betroffene Männer mitgewirkt. Heute haben Männer, die den Mut finden, sich anderen zu offenbaren, keine Angst mehr vor Spott oder peinlichem Schweigen. Sprüche wie "Schick doch mal deine Frau bei mir vorbei" fallen nur noch ganz selten. Dafür hören Männer überraschend häufig von anderen, die ebenfalls Probleme mit dem Kinderzeugen haben.

ZEIT: Dennoch, so schreiben Sie, reagieren offenbar noch immer viele Männer geschockt, wenn ihnen Fruchtbarkeitsprobleme bescheinigt werden.

Thorn: Keinem Mann kommt normalerweise in den Sinn, dass seine Samenqualität nicht optimal ist. Schließlich sieht niemand, ob ein Ejakulat ausreichend viele gesunde Spermien enthält. Einige vermuten zunächst eine Verwechslung und glauben den Befund erst nach dem zweiten oder dritten Spermiogramm. Dabei machen viele Ärzte es den Männern auch nicht eben leicht, die Diagnose anzunehmen.