Martenstein "Altherrenhumor ähnelt der Angstblüte sterbender Bäume"

Harald Martenstein über männlichen Witz

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Liebe Karina, Sie sind eine junge Frau und haben über meine Kolumne einen Leserbrief an die Redaktion geschrieben. Sie möchten, dass er veröffentlicht wird. Sie sagen, zusammengefasst, ich würde »wöchentlich Altherrenwitze loslassen«. Der einzige Autor der Welt, der auf der Altherrenstrecke noch schlimmer sei als ich, sei Wolfram Siebeck, er ist ja auch älter. Ich habe Sie natürlich sofort gegoogelt und festgestellt, dass Sie, vor nicht allzu langer Zeit, etwas mit Gender studiert haben. Seit ich vorgeschlagen habe, die Genderforschung abzuschaffen und das gesparte Geld für die Verschönerung der seit Jahren vernachlässigten Grünanlagen in deutschen Mittelstädten zu verwenden, bin ich natürlich für alle Genderforscherinnen das Feindbild Nummer eins. Das ist mir klar, und dafür habe ich auch Verständnis.

Ich bin der Ansicht, dass Sie, meine liebe Karina, durchaus etwas Richtiges erkannt haben. Wenn man sich die Geschichte des Humors anschaut, stößt man tatsächlich auf eine fast unübersehbare Heerschar von Herren, die meist erst im etwas fortgeschritteneren Alter richtig gut wurden. Chaplin. Walter Matthau. Louis de Funès. Wilhelm Busch, Heinz Erhardt, Loriot, sicher kennen Sie einige davon. Ja, ganz recht, Karina: Witz scheint tatsächlich ein Altherrenphänomen zu sein. Witzige Frauen (Anke Engelke, Maren Kroymann, Ina Müller) gibt es ebenfalls, sie kommen etwa so häufig vor wie weibliche Vorsitzende von Angelsportvereinen.

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Als Biologist – Sie schreiben, dass ich Sie an Thilo Sarrazin erinnere – tendiere ich zu der These, dass der verfallende männliche Körper bei sinkendem Testosteronspiegel einen humoraffinen Ersatzstoff produziert, Altherrenhumor ähnelt der Angstblüte absterbender Bäume. Flösse nicht so viel Geld in all den Gender-Hokuspokus, könnte man dies erforschen.

Nach der Gendertheorie müsste natürlich vor allem die Erziehung ursächlich sein für die Dominanz des Altherrenwitzes und den Mangel an Jungdamenwitz in unserer Gesellschaft. Wenn ein kleiner Junge etwas Lustiges sagt, wird er offenbar von den Eltern gelobt, erlaubt aber ein kleines Mädchen sich nur den geringsten Scherz, dann wenden die Eltern sich missbilligend ab. War das bei Ihnen so, Karina?

Vermutlich sind Sie für staatliche Damenwitzförderungsprogramme, für die Schaffung von Stellen für Frauenhumorbeauftragte und für eine strenge Quotenregelung. So wird es kommen, ich weiß das. Bald wird jede zweite Komödie, jede zweite Kolumne und jeder zweite Witz von einer Frau verfasst werden müssen. Unsere Zeit geht zu Ende. Ich klage nicht, ich hatte es schön.

Was mir lediglich auffällt, ist, dass wir älteren Herren inzwischen die einzige Gruppe sind, auf der jeder herumhacken darf, ohne dass ihm oder ihr Diskriminierung vorgeworfen wird. Altherrenliteratur, Altherrenhumor, Altherrensex, Altherrenmode. Wenn ich ein Buch mit dem Titel »Deutschland schafft sich ab« schriebe, mit der These, dass es zu viele alte Herren gibt, dass ein Altherren-Gen existiert und dass man deswegen den Zuzug von alten Herren nach Deutschland unterbinden muss, dann würde jeder zustimmen, auch Angela Merkel. Gibt es denn wirklich überhaupt nichts Liebenswertes an uns?

Das ZEITmagazin ist vor vierzig Jahren zum ersten Mal erschienen, das heißt, es ist, für ein Presseerzeugnis, recht alt. Ich möchte diesem Blatt nicht schaden, deshalb sage ich: Das ZEITmagazin ist eine alte Dame. Auf gar keinen Fall ist es ein alter Herr. Und wäre mir das Talent von John Lennon gegeben, dann sänge ich: Old Man is the Nigger of the World .

 
Leser-Kommentare
  1. Wiedern richticher Martenstein diese Woche. Jetzt Lob: letzten Wochen waren auch gut. Dann wieder, nachgedacht, Lob hilft nicht (geht aber trotzdem runter, oder).

  2. Ob nun Gender völlig Hokuspokus ist oder nicht, spielt keine Rolle, denn wieder einmal bestätigt sich: Sie, Herr Martenstein, sind dann am besten, wenn Sie sich verteidigen. Ungereizt mobilisieren Sie maximal 75 Prozent Ihres Humors, was zwar auch schon hinlangt, um zu amüsieren, aber die ganz lauten Lacher bringt es erst in einem Fall wie diesem hier.
    Die Einteilung in Herren- und Damenhumor halte ich für problematisch, die Sprache sollte man gendern und sagen, dass es bloß anerzogene Humormuster sind, die Sie erlernt haben und auf die auch Frauen ein Recht haben sollten - also, gendermäßig korrekt: Frauen zum (Alt-)Herrenhumor!

  3. erklären, warum die kleine Louisa im Cafe inzwischen genauso nervtötend wie der kleine Louis ist

    • Chali
    • 15.10.2010 um 8:10 Uhr

    Im Alter lässt ja auch die Sehkraft nach, wie ich leider aus eigener, leidvoller Erfahrung weiss.

    Es werden doch jede Menge Gruppen und Grüoppchen konstruiert, auf dass jeder genügend Gruppen findet, auf der er herumhacken darf ...

  4. nun lassen Sie uns aber ganz schön auf dem Trockenen sitzen! Wie ich Ihrer Kolumne, Herr Martenstein, entnehme, ist die Dame doch offensichtlich mit der Veröffentlichung ihres Briefes einverstanden - na dann, Butter bei die Fische! Lassen Sie uns teilhaben an der Weisheit einer genderstudiengestählten jungen Dame! (Zumal man auch fragen könnte, ob Ihr Verfahren, Herr Martenstein - nämlich Veröffentlichung der Gegenrede ohne gleichzeitige Möglichkeit zur Kenntnisnahme der Rede - ganz fair ist...;-))

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Um weiteren Nachfragen an meine Person vorzubeugen, ob ich die Genderforscherin sei, die besagten Leserinnenbrief verfasst hat, möchte ich hiermit klarstellen, dass ich mit diesem Brief nichts zu tun habe.

    Des Weiteren möchte ich dem Kommentar von exsoeldner zustimmen, dass eine Gegenrede nicht ohne namentliche Veröffentlichung der Rede erfolgen sollte. Dies ist nicht nur eine Frage des guten Stils, sondern könnte auch Verwechslungen oder Missverständnisse verhindern.

    Um weiteren Nachfragen an meine Person vorzubeugen, ob ich die Genderforscherin sei, die besagten Leserinnenbrief verfasst hat, möchte ich hiermit klarstellen, dass ich mit diesem Brief nichts zu tun habe.

    Des Weiteren möchte ich dem Kommentar von exsoeldner zustimmen, dass eine Gegenrede nicht ohne namentliche Veröffentlichung der Rede erfolgen sollte. Dies ist nicht nur eine Frage des guten Stils, sondern könnte auch Verwechslungen oder Missverständnisse verhindern.

  5. "Altweibersommer"

    Sowas Schönes haben wir alten Herren leider nicht!

    • ur
    • 15.10.2010 um 10:11 Uhr

    Herrlich. Als "alte Dame" freue ich mich ueber "altmodische Altherrenwitze". Eigentlich ueber die ganz besonders.

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