Ausstellung Ist der echt?
Eine fulminante Ausstellung in Wien lädt ein, den wahren Michelangelo zu entdecken
Krumm wie ein syrischer Bogen sei Michelangelo geworden, und sein Bart stehe zum Himmel empor, denn immerzu habe er den Pinsel über seinem Gesicht, er sei schon ganz vollgekleckert mit Farbe und ganz wirr im Kopf. So beschreibt ein kleines Sonett, geschrieben irgendwann zwischen 1509 und 1512, die Arbeit des großen Künstlers an seinem bedeutendsten Werk, der Decke der Sixtinischen Kapelle. Und gleich neben diesen Zeilen hat er sich selbst als Strichzeichnung verewigt, wie er gestreckten Armes ein kleines Monster malt, das wie ein Dämon über ihm schwebt.
Es ist eine von über 100 Zeichnungen, die das
Museum Albertina in Wien
gerade versammelt hat. Allerdings schwebt auch über dieser ein Dämon: der Zweifel daran, ob all diese Zeichnungen eigentlich von Michelangelo stammen.
Über nichts scheinen sich Kunsthistoriker so inbrünstig streiten zu können: Die einen glauben, es gebe nur rund 80 erhaltene Zeichnungen von des Meisters Hand, die anderen halten 800 für echt. Es ist ein Expertenkampf, dessen jeweils aktueller Gefechtsstand dem Betrachter herzlich egal sein kann. Nur befürchten die Museen, dass das Interesse an ihren schönsten Stücken schlagartig verpuffen würde, entpuppte sich ein Michelangelo als gar keiner. Wer käme schon zu einer Schau mit dem Titel »100 Meisterwerke, von denen wir nicht so genau wissen, wer sie gemacht hat«?
Mindestens zwei Mal vernichtete Michelangelo (1475 bis 1564) einen großen Teil seiner Zeichnungen. In den 75 Jahren produktiver Schaffenszeit müssen Hunderte, vielleicht Tausende Zeichnungen entstanden sein. Vor Selbstbewusstsein strotzend, ließ er seine Künstlerkollegen die eigene Überlegenheit deutlich spüren. Einen von ihnen ärgerte er bei der gemeinsamen Zeichenübung so lange, bis dieser ihm so heftig auf die Nase schlug, dass er »Knochen und Knorpel unter meiner Haut mürbe fühlte«. Der Neid seiner Konkurrenten begleitete ihn wie seine platte Nase zeitlebens.
Fast alle Zeichnungen in der Albertina zeigen männliche Akte. Das liegt zum einen daran, dass Frauen im 16. Jahrhundert nicht Modell standen; andererseits mag die männliche Nacktheit neben den künstlerischen auch den sonstigen Neigungen Michelangelos entsprochen haben. Anfangs, noch von den Zeichenübungen vor Antiken geschult, sind seine Körper statuarischer, schmaler. Dann kommt Bewegung hinein, der manieristische Dreh erfasst die Figuren, bis sie immer breiter, fast schon zu Riesen werden. Den Triumph des Körpers feiert Michelangelo in der Skulptur der Pietà in Rom. Aus dem schlaffen Leib in den Armen Marias ist alles Leben gewichen. Doch die Wucht des massigen Körpers, die geschwollenen Adern, die breite Brust feiern zugleich seine Wiedergeburt.
Kein Künstler vor und keiner nach Michelangelo hat mit Feder und Kreide je wieder so souverän über den männlichen Körper verfügt. Zwar wundert man sich über diese Kraftpakete, die von schattigen Tälern durchzogenen Hügellandschaften geschwollener Oberarme. Doch das Muskelspiel ist kein Selbstzweck. In den gespannten, dunkle Schatten werfenden Fasern, in dem gekrümmten Rücken eines Kriegers aus der Cascina-Schlacht zeichnet sich der Schreck des feindlichen Angriffs ab. In dem weiten Ausfallschritt und der kraftvollen Drehung, durch die er dem Gegner die nackte Brust bietet, liegt die ganze Verzweiflung seiner Verteidigung. Michelangelo hat nicht Körper gezeichnet. Er hat mit Körpern gezeichnet. Der Spiegel der Seele, bei Tizian das feine Mienenspiel, ist bei Michelangelo das dramatische Muskelspiel.
Skizzen, Bewegungsstudien, Details bilden das Gros der Arbeiten. Für eine Figur am Julius-Grab in Rom zeichnete Michelangelo akribisch ein leicht gebeugtes Knie, von vorne, von schräg, von der Seite, wie in einem Anatomiebuch. Man spürt an der Anspannung des Gelenks die Last, die auf ihm ruht, erahnt aus dem Fragment des knorpeligen Knies den Rest der Figur. Die Präzision, mit der ein solches Detail den Schmerz, die Spannung der ganzen Figur entfaltet, gibt jeder Studie eines Daumens, einer Schulter eine gruselige Präsenz.
- Datum 20.10.2010 - 06:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.10.2010 Nr. 42
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meisterwerke sinds. ich war schwer begeistert und hab mich sehr inspiriert gefühlt im keller der albertina. außerdem hatte ich nciht den eindruck, dass die ausgestellten zeichnungen der anderen künstler dazu dienen sollten, zu zeigen, wie dolle michelangelo im gegensatz zu zeitgenossen doch war. vielmehr hat man durch die kollegen auch seine persönliche entwicklung nachvollziehen können. wie muss es sein, wenn man sich von anderen absetzt? klar - man kriegt hat mal aufs maul! und macht danach weiter meisterwerke.
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