ProtestkulturWir haben die Nase voll!

Im ganzen Land gehen Bürger auf die Barrikaden. Was sagt der Protest über unsere Gesellschaft?

Was ist geschehen? Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland nicht die selbstversöhnte Nation, die es in extraordinärer Behaglichkeit gar nicht fassen kann, endlich wieder normal zu sein. Im Deutschland des Jahres 2010 gehen die Bürger auf die Straße, sie werden renitent und machen mobil. Politiker machen einen Plan, und ihre Wähler machen ihn wieder zunichte. Die Waldschlösschenbrücke in Dresden, die Bologna-Reform an den Universitäten, der Atomkompromiss der Regierung, die Schulreform in Hamburg und der Monsterbahnhof in Stuttgart – kaum eine Entscheidung amtierender Volksvertreter lässt sich noch gegen das Volk durchsetzen.

Der Protest ist bunt und frech und erfasst alle Milieus, es versammeln sich Linke und Rechte, Brave und Widerborstige, Junge und Alte, es kommen die Graumelierten und die gut Betuchten. Inzwischen geraten sogar die »Zukunftsprojekte« der BRD-Vergangenheit, die Kommunalreformen der siebziger Jahre, ins Visier. Die ersten Retrodemonstranten wollen die alten Autokennzeichen wiederhaben, gern auch das schnuckelige Rathaus, und die duftenden Geranien im selbst bemalten Bottich gleich mit.

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»In der Gesellschaft brodelt es«, schreibt der Soziologe Oskar Negt in seinem neuen Buch Der politische Mensch (Steidl-Verlag), und er hat recht. Das Gemeinwesen ist aufgewühlt und trotzig, gespalten und rebellisch. Doch immer dann, wenn es gegen »die da oben« geht, gegen die gewählten politischen Eliten, sind sich die Wähler einig, und dann redet das Volk über seine Volksvertreter, als handele es sich um eine Zusammenrottung von Rosstäuschern und Berufsversagern, die nichts Richtiges zustande bringen, und wenn ausnahmsweise doch, dann das Falsche.

Man ahnt, so viele Fehler können Politiker gar nicht machen, als dass sich die neue »Barrikadenrepublik Deutschland« (Spiegel) allein durch Politikerversagen erklären ließe. Tatsächlich gibt es eine Krise im System, und zumindest die Außenseite dieser Krise ist für jeden sichtbar: Was sich früher durch Regierungshandeln scheinbar leichthändig steuern ließ, das läuft heute aus dem Ruder. Politische Institutionen sind mit der Lösung von Problemen beschäftigt, die bei der Lösung älterer Probleme (»Atommülllagerung«) entstanden waren. Ob Hartz IV oder das Gesundheitssystem – die Reibungshitze steigt, während die politische Wirkung sinkt. Was früher eine freie Entscheidung war, das scheint heute ein Sachzwang. Der Gordische Knoten ist das Wappenzeichen der Regierungskunst und die fluchtartige Selbstentfernung aus dem Amt der neue Standardreflex des Politikers.

Die Erfinder der liberalen Gesellschaft hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Noch in den achtziger Jahren lernten Studenten im Grundstudium, dass sie wie ein großes Mobile funktioniere: Die Einzelteile der liberalen Gesellschaft hängen säuberlich getrennt in einem kräftigen politischen Rahmen und arbeiten – streng nach Aufgabenbereichen geschieden – vernünftig vor sich hin. Hier gibt es die Wirtschaft, dort das Recht, daneben die Kultur mit ihren Theatern, ihren Opern und Museen. Nicht zu vergessen die Wissenschaften und die Medien. Und obwohl die einzelnen Teilsysteme ihren eigenen Gesetzen folgen, ihrer »Rationalität«, spielen sie im Großen und Ganzen zusammen. Durch Innovation und Reform mehren sie den Nutzen der Gesellschaft, sie fördern Wohlstand und Fortschritt. Protest ist überflüssig, denn in der liberalen Gesellschaft ist das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich.

Dieses Modell klingt ausgesprochen putzig, es klingt wie ein politisches Märchen aus den alten Zeiten der Bundesrepublik. Wenn man im Bild bleiben will, müsste man sagen, dass sich das Gesellschafts-Mobile heute »verhakt« hat: Die gesellschaftlichen Teilsysteme erzeugen Abwehr und Unmut, sie erzeugen Misstrauen und Widerstand, wenig spielt noch zusammen. Oder wie Soziologen sagen würden: Die Bürger zweifeln an der Rationalität der Funktionssysteme, der Veränderungsfuror macht ihnen Angst, und sie empfinden den Fortschritt (»Innovation, Reform«) als Eingriff in ihre Lebenswelt, als »Landnahme«. Sie glauben nicht mehr, dass es klug ist, ein weltberühmtes Weinanbaugebiet an der Mosel mit einer Autobahnbrücke zu verzieren oder – wie in Heidelberg – die historische Stadthalle durch einen aufgeblasenen Anbau so zu erweitern, dass sie dabei zerquetscht wird wie eine leere Coladose. Viele Bürger glauben auch nicht, der Gipfel der Vernunft sei erreicht, wenn antiquierte Atomkraftwerke länger laufen und den Konzernen der Profit und der Bevölkerung das Risiko überlassen wird.

Man könnte so fortfahren und wird immer wieder auf einen konservativen Zweifel treffen, auf einen tief sitzenden Vorbehalt gegen Ökonomisierung, Innovation und Reform. Auch der Aufstand gegen die Untertunnelung des Stuttgarter Hauptbahnhofs (»Die Bahn macht mobil«) gehört ins Bild, und mag die schwarz-gelbe Regierung Mappus den Demonstranten auch noch literweise Tränengas in die Augen sprühen, sie wird den Protest gegen Stuttgart 21 so schnell nicht niederknüppeln. Denn die Abwehrschlacht kreuzbraver schwäbischer Bürger entzündet sich nämlich nicht nur an der Zerstörung eines Bahnhofsflügels, am Imperialismus der Bagger, am Abholzen deutscher Eichen oder dem Pendelschlag der Abrissbirnen; er entzündet sich auch nicht nur an Stadtplaners Liebling, der Boutiquenmeile für nomadisierende Smart-Shopper (»Willkommen im Einkaufsparadies der Zukunft«) – der Widerstand richtet sich gegen eine Kernpassion der Moderne, gegen das Prinzip Geschwindigkeit und die Verkürzung von Zeit.

Leserkommentare
  1. Die EILKRANKHEIT als Geißel der (kapitalistischen) Moderne

    "Hochgeschwindigkeit" und "Beschleunigung" sind die Schlüsselwörter unserer Epoche, "Eilkrankheit" ist die pathologische Diagnose ihrer Leistungsgesellschaft. Je beschleunigter das Tempo, desto mehr Verkehrsunfälle geschehen; je mehr Stress herrscht, desto schwächer ist das Immunsystem, desto größer wird die Zahl der Krankheiten und Umweltallergien. Die Eilkrankheit, die eine neue Gesellschaftskrankheit ist, lässt sich mit einem Wort benennen: Zeitnot.

    Immer bereit, dank Handy und Laptop jederzeit erreichbar und interaktionsfähig, gelingt dem modernen Menschen selbst in der Freizeit kein abschalten. Der Begriff allein ist verräterisch, setzt er doch den Menschen mit der Maschine gleich und so wie die Industrie für 24-Stunden Maschinen-Laufzeiten kämpfte, erwartet die Wirtschaft auch vom Menschen eine fast 24-stündige Verfügbarkeit. Wenn es die Technik möglich macht, wird der Mensch gezwungen, ihr zu folgen, denn Zeit ist Geld und alles muss möglichst just in time erledigt werden. Dabei hat sich die Konkurrenz durch die moderne Technik und die Öffnung der Märkte zusätzlich entgrenzt. Es ist inzwischen nicht nur jeder ein Konkurrent, nein, er ist es auch zu jeder Zeit. Wenn Geld bekanntlich nicht schläft, wie kann es sich dann der Mensch leisten, eine Entwicklung zu verschlafen?

  2. Es gibt nur eine Geißel der Menschheit: das bißchen mehr Hirn, mit dem sie sich über alle anderen Kreaturen erhoben hat. Das ermöglicht den jeweils Mächtigeren unzähliger Partnerschaften im Machtgefüge unserer Welt, sich etwas einzubilden, was nicht der Wahrheit entspricht und den zufriedenstellenden Ausgleich eines wahrheitsgemäßen Gebens und Nehmens erschwert oder gar verhindert.

    Was dann daraus entsteht, wird mit dem selben Problem im Hirn grausam erfolgreich benutzt, um über Kumulations- und Masse-Effekte Frustrationen und Gewalt eskalieren zu lassen.

    Und weil sich viele Vernunftwesen mit der Geißel der Menschheit selbst bestrafen, indem sie durch immer stärkere Rechtfertigungen und Bestätigungen ihres Verhaltens ihr Hirn deformieren, möchte auch kaum jemand wissen von der Geißel der Menschheit ...

    Mächtige Idioten ergänzen fehlende Informationen durch Einbildungen, die ihnen gefallen, ohnmächtige Deppen liefern die Gelegenheiten dazu und akzeptieren das Unrecht, das dabei herauskommt und durch unsere Zwangspartnerschaft mit Geld in unaufhörlich wachsenden Schuldenbergen gipfelt.

    Land der Richter und Verrenker ...

    • Frans
    • 26.10.2010 um 19:10 Uhr

    "Aber aus Sicht der beteiligten Politiker ist alles alternativlos."

    Natürlich - für die gemütlichen demokratischen Apologeten des warenproduzierenden Systems ist ihre Welt schon immer alternativlos - die beste aller Welten - das Ende der Geschichte.

    Dennoch - die Bürgerproteste kommen nicht von ungefähr, alles hat seine Ursache und Inkubationszeit. Noch nie war dem Bürger die allgemeine politische Entmündigung so bewusst wie heute. Ihm ist es nicht entgangen, dass es in Politik und Wissenschaftsbetrieb, den Wirtschaftsideologen und Massenmedien zum "common sense" geworden ist, angesichts weltweiter Massenverarmung, ökonomisch ruinierter Länder, verseuchter Kontinente, absterbender Naturreservoirs und verwilderten Konkurrenzverhältnissen mit bemerkenswerter Arroganz von Demokratie und Zivilisation zu säuseln.

    Wen wundert es, wenn diese "Pseudodemokraten" und ihre medialen Helfer nicht müde werden die Proteste zu denunzieren, indem sie die alltäglichen verheerenden "Risiken und Nebenwirkungen" der Armuts- und Zerstörungspotenziale ihrer kapitalistischen "Vernunft", den Leuten als selbstgewollten demokratisch legitimierten "Fortschritt" verkaufen.

    Antwort auf "Sie sagen es..."
  3. So oft liest man hier auf der Seite von der Volksbeteiligung nach Schweizer Modell und vor allen Dingen die Frage, wann so etwas eingeführt wird. Die Antwort auf diese Frage ist: "Nie! Von wem auch?" Vom Wutbürger? Vom ach so fleißigen Kommentarschreiber auf wie vielen Webseiten? Vom Arbeiter, der sich freut, so viel Geld zu verdienen, um über die Runden zu kommen? Diese Leute sitzen nicht an der Macht. Und keine Demonstration wird das ändern. Dafür sind Demonstrationen nicht gemacht, sondern eher "nur" Meinungsbekundungen. Wer seine Meinung kund tut, will jemand überzeugen. Aber schauen wir uns die "zu Überzeugenden" mal an. Mit wem haben wir es da zu tun?

    Mit Leuten, die, wenn sie die Politik jemals verlassen müssten, hauptsächlich ohne Arbeit dastehen würden. Und ohne Luxus. Dass das für unsere ach so gewählten Volksvertreter nicht geht, ist klar. Wer will schon gerne seinen Lebensstandard vermissen? Die Einladungen zu Bällen, die Hofierungen auf jedem Bankett.

    Diese Leute kann man nicht zu Idealisten machen. Nicht mit Demonstrationen, schon gar nicht mit Gewalt.

    Dummerweise brauchen wir aber Idealisten, die wirklich ein Bild von Deutschland haben. Ja, mit allen, die hier sind. Die Deutschland wieder zu einer Idee machen, die begeistert. Die jeden einzelnen Arbeiter, Angestellten, Ausgebeuteten, Arbeitslosen... und weiß der Kuckuck, wen wir hier auf unserm Staatsgebiet beinhalten, davon überzeugen, hier wieder mitzumachen.

    Unsere Politiker reden jedenfalls nicht davon.

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