Bitte beachten Sie den Hinweis am Ende des Textes

DIE ZEIT: Herr Palaver, Bundespräsident Christian Wulff sagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Hat er recht?

Wolfgang Palaver: Auf den ersten Blick scheint die Behauptung zu weit zu gehen. Doch wir brauchen uns nur die deutsche Fußballnationalmannschaft anzuschauen oder uns in unseren Städten umzusehen, schon entdecken wir, wie sehr Muslime zu unserem Alltag gehören. Vor allem aber: Historisch gibt es wichtige islamische Einflüsse auf die europäische Kultur. Die Klassiker der griechischen Philosophie sind uns in Arabisch von Gelehrten der islamischen Welt überliefert worden.

ZEIT: Es heißt immer wieder, der Islam sei keine abrahamitische, sondern eine archaische Religion.

Palaver: Diese Auffassung teile ich nicht. Der Islam ist keine archaische Religion. Er gehört in die Tradition der abrahamitischen Religionen und teilt mit ihnen den Glauben an die Heiligkeit des Lebens und die Absage an die Kultur des Menschenopfers. Genauso wie Juden- und Christentum steht der Islam auf der Seite des Opfers. Der Islam hat mit den archaischen Religionen gebrochen.

ZEIT: Islamkritiker wie Hirsi Ali fordern dennoch, die Muslime sollten ihrer Religion abschwören.

Palaver: Hirsi Ali wird von Islamisten verfolgt, ihren existenziellen Erfahrungen kann man nicht widersprechen. Wenn aber Henryk Broder fordert, ein Muslim müsse aufhören, ein Muslim zu sein, dann erinnert das an die Geschichte des Antijudaismus: »Wir haben nichts gegen Juden, solange sie keine Juden mehr sind.« Das geht zu weit. Soll die Religion verdampfen? Ich finde die Stimmung gegen die Muslime erschreckend. Ich will sie auf keinen Fall mit der Judenfeindlichkeit der Nazis vergleichen. Aber ich verstehe nun besser, wie plötzlich eine kollektive Stimmung gegen eine Minderheit umschlagen kann. Bei uns in Österreich gleicht die Stimmung gegen Muslime fast einer Hetze. Wer ein Kopftuch trägt, ist fast eine Terroristin.

ZEIT: Sie sagen, der Islam habe mit archaischen Religionen gebrochen. Worin besteht der Bruch?

Palaver: Verkürzt gesagt: Die Mythen und archaischen Religionen verkörpern die Perspektive der Verfolger. Diese suchten zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte Sündenböcke, sie töteten Unschuldige. Der Islam dagegen nimmt wie die Bibel die Sicht des Opfers Abel ein.

ZEIT: Der Islam hat wenig mit der Bibel gemein.

Palaver: Das sagen viele, es stimmt aber nicht. Die berühmte Josephsgeschichte zum Beispiel findet sich mit kleinen Varianten auch im Koran, die zentralen Elemente sind alle vorhanden. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass die Josephsgeschichte an entscheidender Stelle im Koran moralisch noch anspruchsvoller ist als im Christentum. Der Gott im Koran ist kein Gott der Rache, sondern der Vergebung und der Barmherzigkeit.

ZEIT: Im Islam fehlt das christliche Kreuzes- und Erlösungsdrama, das Selbstopfer Jesu.

Palaver: Ja, das Kreuzigungsdrama fehlt. Der Islam ist von einer Entdramatisierungstendenz geprägt, er entschärft vieles, weil er immer schon vom guten Ende der Geschichte ausgeht. Es kann nicht sein, dass Gott stirbt. Deshalb wird im Islam das Positive oft überbetont, und es gibt kaum Zugeständnisse an die Dramatik des Alten und Neuen Testaments. Das heißt aber nicht, dass ihm das Friedenspotenzial des Christentums fehlen würde.

ZEIT: Viele Selbstmordattentäter zitieren den Schwertvers aus dem Koran: »Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet.«

Palaver: Der Schwertvers ist für Dschihadisten ganz wichtig, und die Attentäter vom 11. September haben sich auf ihn berufen. Aber der Schwertvers geht noch weiter: »Wenn sich die Heiden bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.«