Früher hatte das Wort »aussteigen« einen verheißungsvollen Klang, es war sozusagen die Steigerungsform von »reisen«. Man dachte gleich an Sonne und Wind, Berge und Meer. Dann aber kam die New Economy, Kurzurlaub wurde Mode und Karriere ohne Lockerlassen. Trotzdem ist heute die heimliche Ausstiegssehnsucht größer denn je, man merkt es an immer entlegeneren, immer wilderen Kurzurlaubszielen.

Das ultimative Ziel haben wir neulich in der Region Lunigiana gefunden – italienisch für Mondlandschaft, und wer seinem Büroalltag am liebsten auf den Mond entfliehen würde, ist hier richtig. Umgeben von drei Gebirgen, im stillen grünen Winkel zwischen Ligurischen Alpen, Apuanischen Alpen und Apennin, liegt Podere Conti. Ist es ein Zufall, dass die versteckteste Farm Italiens von einer Aussteigerin betrieben wird? In den neunziger Jahren stöckelte die Investmentbankerin noch mit Aktenkoffer durch London. Heute sagt sie: »Die meisten Banker wollen gar keine Banker sein.« Deshalb ist Cornelia Conti, 41, jetzt Boss in ihrem eigenen Paradies.

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Der amtliche Name für Urlaub im Paradies lautet Agriturismo. Von Pisa oder Bologna aus eigentlich ganz rasch erreichbar, fehlt die Gegend auf den meisten Straßenkarten für Touristen. Still träumt die Villa rustica, die aus den Resten eines dreihundertjährigen Berghofs entstand, auf einem Latifundium von acht Kilometern Länge. Hierher führt nur ein Schotterweg, umrankt von Brombeerbüschen und Kastanienbäumen. Ein Reh springt über die Straße. Kurz darauf bleibt das Auto in einer Ziegenherde stecken. Dann endlich: drei urige Feldsteinhäuser mit Wiesen ringsrum, dahinter ein Pool und eine überwucherte Ruine. Zur Begrüßung eilen zwei fröhliche Hunde herbei. Doch wer denkt, das hier sei Urlaub auf dem Bauernhof, also in Gummistiefeln Kühe füttern, hat die Rechnung ohne Cornelia Conti gemacht.

Zufrieden steht sie auf der Terrasse mit den weiß gedeckten Holztischen und den üppigen Polsterbänken. Shabby chic ist der englische Ausdruck für diesen rustikalen und zugleich eleganten Stil. Der feste Handschlag der Chefin passt zu einer Frau, die ihr eigenes Olivenöl produziert und vier Wasserquellen auf dem Grundstück hat. Willkommen in der Freiheit! Weit geht der Blick über die Höhenzüge im Westen. Fast jeden Abend haben sie hier Sonnenuntergänge von der Sorte, die selbst hartgesottene Großstädter zu dem Ausruf veranlassen: Dio mio! Dazu servieren sie Hauswein und selbst gemachte Pasta: Strozzapreti mit Walnüssen oder Tagliatelle mit Ricotta und Salbei. Ganz zu schweigen von den Kalbsfilets. Natürlich kommen die Tomaten aus dem Garten. Und der Koch bäckt ein Ciabatta, dessen einziger Nachteil ist, dass man nachher jedes andere ungenießbar findet.

42 Gäste können hier übernachten, dennoch fühlt man sich gleich wie zu Besuch bei wohlhabenden Verwandten. Die Padrona hat die Zimmer mit indischen Bettschirmen, persischen Teppichen und Truhen aus Parma ausgestattet. Die Bäder entstanden nach dem Vorbild des orientalischen Hamam. Unter Steinfliesen verbirgt sich eine Fußbodenheizung.

Sich auf die einfachen Dinge besinnen nennt Cornelia Conti das. Mit ihrem italienischen Ehemann, einem Ingenieur, hatte sie mehrere Jahre im boomenden Dubai gelebt. Der immense Reichtum und die maßlose Armut, diese ganze soziale Hackordnung stießen sie jedoch immer mehr ab. Sie wollte nicht, dass ihre vier Söhne, der älteste ist jetzt elf, vom Boom »versaut werden«. Also wagte sie das Abenteuer Italien. Natürlich war das nicht leicht. Sie musste lernen, mit Bauarbeitern zu streiten und absurde EU-Regeln zu befolgen. »Aber ich investiere meine Kraft jetzt in etwas, an das ich glaube. Das ist der große Unterschied zum Finanzmarkt. Hier hat meine Arbeit einen Sinn.«

Der überträgt sich sofort auch auf gestresste Kurzurlauber. Was könnte sinnvoller sein, als mit einem geliebten Menschen oder neuen Freunden auf Familie Contis Terrasse zu frühstücken? Sonntags weht von einem Bergkirchlein Glockengeläut herüber. Man kann sogar den Gesang der Gemeinde und das Vaterunser hören. Cornelia Conti sagt, sie sei nicht religiös: »Aber mein Credo ist, andere so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden will. Mein Gebet ist, wie ich lebe.« Dann schaut sie hinaus ins Freie, und der Gast beschließt insgeheim, bei nächster Gelegenheit auch auszusteigen.

Podere Conti Agriturismo, Via Dobbiana Macerie 3, 54023 Filattiera (Massa), Italien, Tel. 0039-0348/2681830, www.podereconti.com. DZ ab 90 Euro inklusive Frühstück