ReporterDer Mann, der ging

Michael Holzach war in den Siebzigern unser großer Reporter. Er recherchierte seine Geschichten nicht nur, er lebte sie. Was trieb ihn um? von 

Aus Brokdorf berichtete Holzach ueber die Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk: "Bürger oder Chaoten", 1977

Aus Brokdorf berichtete Holzach über die Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk: "Bürger oder Chaoten", 1977  |  © Keystone/ Getty Images

Der alte Mercedes biegt in einen Waldweg, schaukelt eine Weile über dicht gewachsenes Gras und hält dann vor einem alten Haus, das einsam auf einer Lichtung steht. Das Haus ist vorn umfriedet von Bäumen, dahinter öffnet sich der Blick weit ins Land. Hier kann man sich frei fühlen und zugleich geborgen, und man stellt sich vor, wie der Besitzer stundenlang dem Wind lauscht. Es ist, als wollte dieser Ort etwas mitteilen: Bestimmt hat Michael Holzach das so empfunden, und vielleicht hätte er es auch so gesagt.

Die Frau, die mit ihm hier gelebt hat, stellt den Motor ab und steigt aus. Freda Heyden ist aus München angereist, sie war Michael Holzachs Lebensgefährtin bis zu seinem Tod 1983. Der Reporter des ZEITmagazins und die Künstlerin hatten zuletzt hier gewohnt, in Hiddingen am Rand der Lüneburger Heide.

Anzeige

Holzach starb mit 36 Jahren, da war er schon nicht mehr beim ZEITmagazin, sondern freier Schriftsteller. Sein Buch Deutschland umsonst hatte ihn berühmt gemacht. Er schrieb darin über eine halbjährige Betteltour, er lief von Hamburg bis zur österreichischen Grenze und zurück, der Leidensweg war Abenteuer und gnadenlose Selbsterforschung zugleich. Seine Entbehrungen teilte er mit Feldmann, einem Boxermischling, den er bei seinem Aufbruch aus dem Tierheim geholt hatte. Das Buch erschien 1982 und war bereits ein Bestseller, als Holzach und seine Freundin von Hamburg hierher flohen, großstadtmüde.

Das Haus wirkt bescheiden, wie ein zu groß geratenes Forsthaus, Freda Heyden hat es von ihrem Großvater geerbt. Er war wohlhabend und hatte sich in prachtvoller Lage ein Schmuckstück gebaut: Das Wohnzimmer ist einzig dazu angelegt, den Blick zur Geltung zu bringen; es gibt einen Kachelofen und ein Klavier. Was haben der Schriftsteller und die Künstlerin hier gesucht?

»Die Wahrheit des eigenen Lebens«, sagt Heyden ernst.

Sie gehört zu der utopieberauschten Generation, die in den siebziger Jahren jung gewesen ist. Mit 54 Jahren ist sie ein Mädchen geblieben, in kurzem Jeansrock und mit Nietengürtel, ihre Haare fallen in weichen Wellen um ihr schmales Gesicht. Sie lebt in München und Berlin, wo sie malt und an Installationen und Skulpturen arbeitet. Nach Hiddingen kommt sie nur ab und zu, um sich zu erholen. Ein unruhiges Leben auf der Suche, wie es Michael Holzach auch geführt hat.

Als sie ihn 1977 in Hamburg kennenlernt, ist sie Anfang zwanzig, studiert Grafikdesign und arbeitet in der Kneipe hinterm Tresen. Er will gerade zu einer Recherche aufbrechen, nach Gorleben, wenn sie sich richtig erinnert, und am liebsten nähme er sie aus der Kneipe gleich mit – Privates und Beruf sind für ihn eins.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Bob Dylan | Erich Fromm | Kanada | Ruhrgebiet | Buch | Indien
    Service