Es werden noch zwei Stunden vergehen, bis sich die böseste Rampensau Leipzigs erschöpft auf ihre Gäste in der ersten Reihe wirft. Es ist Donnerstag, 22 Uhr. Auf den Plakaten im Café Waldi am Rande der Südvorstadt ist Ein Kessel Donis angekündigt, eine Late-Night-Show.

Ralf Donis, 42, springt auf das Bühnenpodest und begrüßt seine Zuschauer. Er trägt ein schwarzes Jackett, seine dunklen Haare fallen ihm strähnchenweise ins Gesicht. Durch die Fenster hinter seinem Tisch erblickt man den Uni-Riesen, den leeren Peterssteinweg, die Putzkolonne bei der Unternehmensberatung KPMG. Es ist wie die Fototapete von Harald Schmidt, nur ist hier die Aussicht echt. "Der Moloch Leipzig pulsiert, und bei KPMG wird gerade der Plan zur Rettung der Welt ausgearbeitet", frotzelt Donis. Sein Handlanger spielt ein Elektropop-Lied, während Donis eine Flasche billige Piña Colada in die Runde gibt: gegen die miese Laune, weil es draußen regnet. "Ich freu mich, dass so viele heute gekommen sind", ruft er, "erst Loveparade, dann Flut, ich dachte, ihr seid alle tot." Zynischer Brachialhumor ist sein Markenzeichen. Ohne jede Political Correctness zieht Donis über die Nachrichtenlage der letzten Monate her.

Ralf Donis ist Vertreter einer deutschlandweit einmaligen Spaß-Bewegung. Weder in München noch in Berlin oder Hamburg gibt es so viele Untergrund-Liveshows wie in den Leipziger Clubs Ilses Erika, Horns Erben, Wärmehalle Süd oder in der Moritzbastei. Aus den Metropolen blickt man inzwischen neugierig auf Sachsen. Sven Amtsberg, Autor und Veranstalter der legendären Hamburger Literaturshow Machtclub, weiß um die Besonderheit der Szene: "Der in Leipzig entstandene Humor ist derber und heftiger als anderswo."

Die Leipziger Untergrundcomedy wird seit den Neunzigern kultiviert. Den Late-Night-Talkern und Liedermachern ist Spontaneität wichtiger als ein einstudiertes Bühnenprogramm. Ihr Humor entsteht aus der Improvisation, aus der ständigen Balance zwischen Genialität und Wahnsinn. Das Gesamtkunstwerk zählt mehr als die einzelne Pointe.

Leipzig sieht sich selbst gern als "Kabaretthauptstadt". Die Programme hier heißen Frust oder Keule, schwarz-rot-goldig oder Angeschmiert und ausgeMerkelt. Damit haben die Auftritte der jungen Künstler aber nichts gemein. Letztere verstehen ihren Humor als bewusste Abgrenzung zu den Spaßbeamten vom Kabarett-Brettl. Denn die neuen Entertainer sind absurder und weniger vorhersehbar als die etablierten Kollegen mit ihrem Moral- und Wahrheitsanspruch.

"Uns alle verbindet die Lust am Trash und die Verletzlichkeit auf der Bühne", sagt Moderator Ralf Donis. "Im Unterschied zum Kabarett kommen die Leute zu uns, weil sie das Unperfekte cool finden und sich freuen, wenn wir mal scheitern." Neben bösen Gags wird Donis an diesem Abend in seinem "Kessel" auch folkloristische Musikvideos aus Laos zeigen. Und auf dem Boden liegen – um zu erklären, wie man als DDR-Schüler lernte, sich vor Atom-Angriffen zu schützen. Mit der Veranstaltung Kunstwerk aus Matsch wird er den originellsten Termin aus dem Ortsblatt vorstellen.

Wer verstehen will, wie es dazu kommen konnte, muss zu Jörn Drewes in den Untergrund steigen. Zwölf Stufen sind es hinab bis zum Eingang seines Clubs Ilses Erika nah am Connewitzer Kreuz. Vor zwölf Jahren eröffnete das Tanzcafé in einem ehemaligen Kohlenkeller. Im kleinen Backstage-Raum findet man ganz spezielle Spuren der jüngeren Leipziger Humor-Geschichte. Fast alle Untergrund-Entertainer begannen ihre Laufbahn hier. 

Die Wände sind voll mit Autogrammen, Comic-Affen und zotigen Kritzeleien. Und irgendwo dazwischen stehen sie, die Unterschriften von Donis, Tim Hespen, André Kudernatsch, von Julius Fischer und Christian Meyer. Im Ilses Erika starteten sie ihre ersten Shows, probierten sie sich und die Toleranzgrenzen des Publikums aus.