Es war die erste richtige deutsche Revolution, sie war gewaltfrei und großartig und fand direkt vor unserer Nase statt, und wir verpassten sie. Wir verpassten diese Revolution, denn wir arbeiteten beim ZEITmagazin in Hamburg, was bedeutete: Wir hatten schlechte Karten. Und von Alois Ortner wusste ich noch nichts.

Das ZEITmagazin gehörte einerseits zur Redaktion der ZEIT, andererseits waren wir im Magazin ein bisschen anders. Wir hatten ein Wirgefühl. Wir hatten eine neue, junge Besetzung, wir hatten andere Themen, eine andere Sprache als die übrige Redaktion, manchmal frecher und frischer, wir hatten schickere Bilder; vor allem aber hatten wir einen ganz frühen Redaktionsschluss. Das war die schlechte Nachricht: Der Redaktionsschluss lag ungefähr zwei, drei Wochen vor dem Erscheinungstag, und in den Tagen des Mauerfalls, damals, 1989, als jede Stunde etwas Aufregendes geschah, da entsprachen zwei Wochen dem Zeitraum zwischen der Entdeckung der Schriftrollen von Qumran und übermorgen.

Wir brauchten eine Tangente. Tangente – das Wort gefiel uns damals. Es klang irgendwie exakt-mathematisch, für einen Journalisten ein großer Schritt nach vorn. Dabei bedeutete es nur, dass uns zu einem großen Thema eine Annäherung einfiel, ein Seitenaspekt, der möglichst originell oder verblüffend war.

Der damalige Ressortchef des ZEITmagazins, Haug von Kuenheim, hatte gelesen, dass ein Typ aus dem Verkehrsministerium vorschlug, den Trabi zum Auto des Jahres zu küren. Er fand das lustig und erzählte es uns. Seine Co-Chefin, Marie Hüllenkremer, und ich saßen bei Haug im Büro, tranken Kaffee und sprachen über Trabis: diese schmauchenden Kistchen, in denen unsere Brüder und Schwestern/Ost über die offenen Grenzen zwischen Österreich und Ungarn kamen. Und da wusste ich es plötzlich: Das ist die Tangente. Es war meine erste richtige Story im ZEITmagazin.

Der Trabi war ein Experiment in sozialistischer Alchimie, der Versuch, aus dem Nichts ein Auto zu erschaffen. Man hatte sich dafür, so um 1948 herum, die ehemaligen Werke von Horch und Audi in Zwickau ausgesucht, die Anfänge müssen grausam gewesen sein. Im ersten Jahr betrug die Auflage: vier Autos. Damals hieß der Trabant noch "P70", er hatte eine Duroplast-Kunststoff-Karosse und einen Zweitaktmotor, der blubberte wie eine Aquariumspumpe und auch etwa so leistungsstark war und eine stinkende, bläuliche Fahne hinter sich herzog. Dieser Trabi war das Auto des Umsturzes, des Mauerfalls, mit seinem harmlosen Verliererimage brachte der Trabi das Streichelzoohafte dieser Revolution auf den Punkt. Das war die Idee, mit der damals der Fotograf Thomas Mayfried und ich aufbrachen. Es war aber noch keine Geschichte. Wir klapperten Museen ab, sprachen mit Trabi-Experten, trieben eine Gebrauchsanweisung auf, und ich ließ mir die Funktionsweise eines Zweitaktmotors erklären; aber die Geschichte fanden wir in Passau.

Dort trafen wir Alois Ortner, der einen Trachtenjanker trug, für die CSU im Stadtrat saß, eine Autowerkstatt betrieb und der erste Wessi gewesen war, der die über die gerade geöffnete ungarische Grenze taumelnden, rauchenden Trabis erstversorgt hatte. Er hatte einen deutsch-deutschen Revolutions-Service angeboten: Neuer Auspuff, neue Motoraufhängung, Tankfüllung, alles aus eigener Tasche spendiert, aus Begeisterung für den Mauerfall und aus Liebe zum Trabi. Er konnte wunderbar schwärmen von diesem kleinen Auto, der Alois Ortner, und mit ihm fanden wir die Geschichte eines stillen Helden. Thomas gelang ein wunderbares Titelfoto, das Auto mit aufgerissenen blanken Äuglein, das Heft erschien am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Mauer.

Ralf Hoppe, 50, war von 1989 bis 1994 Redakteur des ZEITmagazins. Heute arbeitet er beim "Spiegel"