Baukräne in Shanghai: Brauchen wir einen neuen Indikator, um unseren Wohlstand zu messen? © dpa

Deutschland wächst wieder. Für die schwarz-gelbe Regierungskoalition ist das Grund genug für großen Jubel. Fast trunken preist sie die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und hofft, so den universellen Problemlöser gefunden zu haben. Dabei wissen wir doch längst, dass diese Zahl wenig über den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft aussagt. Denn während das BIP wächst, werden Luft, Ozonschicht, Wasser, Böden, Ressourcen, Biodiversität verschmutzt, ausgebeutet oder unwiederbringlich zerstört. Die Klimadiskussion zeigt beispielhaft, wie sehr wir längst von der Substanz unserer Natur leben. Doch wir verzehren durch die Jagd nach dem immer höheren BIP nicht nur die Natur, sondern auch das Sozialkapital. Wir vernichten soziale Beziehungen, Nachbarschaften, Familien und sogar das friedliche Zusammenleben der Völker. Seit den achtziger Jahren kann man nicht mehr belegen, dass durch BIP-Wachstum in Deutschland wirklich Armut abgebaut wurde.

Wachstumsdiskussion und die Debatte um Alternativen zum BIP sind daher keine Moden postmaterieller Überflüssler. Im Gegenteil. Es ist absurd, dass wir unseren Wohlstand mit einer Zahl messen, die nichts aussagt. Grüne und SPD haben deswegen eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag beantragt, die alle einfachen und schwierigen Fragen des Wachstums untersuchen wird. Wenn wir dadurch einen anderen, wirklichen Wohlstandsindikator fänden, dann wäre schon viel gewonnen.

Doch nicht nur die Orientierung von Politik am BIP-Wachstum ist falsch, sondern auch unsere Betrachtung der staatlichen Schulden. Schulden sind Schulden, so heißt es. Aber das ist natürlich Unfug. Ein Staat kann finanzielle Verpflichtungen abbauen und dadurch ökologische und soziale Verschuldung aufbauen. So verschulden wir uns sozial, wenn wir nicht jedem Kind eine gute Ausbildung ermöglichen. Dies findet sich aber nicht im Staatshaushalt wieder. Deswegen wäre es wichtig, auch den Investitionsbegriff der öffentlichen Finanzen neu zu definieren. Wir müssen raus aus der Welt der Quantitäten und rein in die Betrachtung der Qualität!

Dass die Wachstumsdiskussion gefährlich sein könne, wie Sebastian Dullien in der letzten ZEIT behauptete, kann ich nicht nachvollziehen. Diese Debatte ist nicht gefährlich, sie ist vielmehr zwingend notwendig. Spannend wird sie aber erst dann, wenn wir auf begriffliche Mogelpackungen wie »neues Wachstum« oder »nachhaltiges Wachstum« verzichten. Entscheidend für eine wirklich nachhaltige Entwicklung ist es, ob wir unsere Substanz erhalten oder verzehren. Ob das BIP dann gerade wächst oder nicht, bleibt eine interessante, aber keine ausschlaggebende Frage.

Dass wir über Wachstum diskutieren müssen, erzwingen aber auch dessen Raten. Für Deutschland schrumpft das BIP tendenziell. Da sollte sich niemand von der XXL-Besoffenheit Brüderles kirre machen lassen. Die gigantisch hohen Zuwächse der Nachkriegszeit pendelten sich in den siebziger Jahren auf drei Prozent ein und dürften heute bei durchschnittlich einem Prozent liegen. Ein Staat, der seine Politik auf Umverteilung von Wachstumserlösen gründet, wird sich daher systematisch immer verschulden. Denn er verspricht mehr, als er hat.

Natürlich kommt ein wachstumssüchtiger Staat nicht einfach von der BIP-Droge los. Es gibt zahlreiche Zwänge, die man nicht wegdiskutieren kann. Unser heutiges Wirtschafts- und Sozialmodell beruht strukturell auf dem Zwang zu ständigem Wachstum. Die Schulden des Staates lassen sich leichter begleichen, wenn wir wachsen. Die Sozialsysteme können leichter finanziert werden. Bei einer alternden Gesellschaft ist das von großer Bedeutung. Auch die Finanzindustrie, die immer mehr Geld in Umlauf bringt, als durch Eigenkapitalhinterlegung und durch den Bezug zur Realwirtschaft zu begründen wäre, erzwingt das Wachsen.