WirtschaftswachstumWeg von der Droge!

Die Regierung berauscht sich am Bruttoinlandsprodukt. Aber wie können wir den Wohlstand retten, ohne die Natur zu ruinieren? von Fritz Kuhn

Baukräne in Shanghai: Brauchen wir einen neuen Indikator, um unseren Wohlstand zu messen?

Baukräne in Shanghai: Brauchen wir einen neuen Indikator, um unseren Wohlstand zu messen?  |  © dpa

Deutschland wächst wieder. Für die schwarz-gelbe Regierungskoalition ist das Grund genug für großen Jubel. Fast trunken preist sie die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und hofft, so den universellen Problemlöser gefunden zu haben. Dabei wissen wir doch längst, dass diese Zahl wenig über den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft aussagt. Denn während das BIP wächst, werden Luft, Ozonschicht, Wasser, Böden, Ressourcen, Biodiversität verschmutzt, ausgebeutet oder unwiederbringlich zerstört. Die Klimadiskussion zeigt beispielhaft, wie sehr wir längst von der Substanz unserer Natur leben. Doch wir verzehren durch die Jagd nach dem immer höheren BIP nicht nur die Natur, sondern auch das Sozialkapital. Wir vernichten soziale Beziehungen, Nachbarschaften, Familien und sogar das friedliche Zusammenleben der Völker. Seit den achtziger Jahren kann man nicht mehr belegen, dass durch BIP-Wachstum in Deutschland wirklich Armut abgebaut wurde.

Wachstumsdiskussion und die Debatte um Alternativen zum BIP sind daher keine Moden postmaterieller Überflüssler. Im Gegenteil. Es ist absurd, dass wir unseren Wohlstand mit einer Zahl messen, die nichts aussagt. Grüne und SPD haben deswegen eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag beantragt, die alle einfachen und schwierigen Fragen des Wachstums untersuchen wird. Wenn wir dadurch einen anderen, wirklichen Wohlstandsindikator fänden, dann wäre schon viel gewonnen.

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Fritz Kuhn

Der 55-Jährige ist Stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Grünen

Doch nicht nur die Orientierung von Politik am BIP-Wachstum ist falsch, sondern auch unsere Betrachtung der staatlichen Schulden. Schulden sind Schulden, so heißt es. Aber das ist natürlich Unfug. Ein Staat kann finanzielle Verpflichtungen abbauen und dadurch ökologische und soziale Verschuldung aufbauen. So verschulden wir uns sozial, wenn wir nicht jedem Kind eine gute Ausbildung ermöglichen. Dies findet sich aber nicht im Staatshaushalt wieder. Deswegen wäre es wichtig, auch den Investitionsbegriff der öffentlichen Finanzen neu zu definieren. Wir müssen raus aus der Welt der Quantitäten und rein in die Betrachtung der Qualität!

Dass die Wachstumsdiskussion gefährlich sein könne, wie Sebastian Dullien in der letzten ZEIT behauptete, kann ich nicht nachvollziehen. Diese Debatte ist nicht gefährlich, sie ist vielmehr zwingend notwendig. Spannend wird sie aber erst dann, wenn wir auf begriffliche Mogelpackungen wie »neues Wachstum« oder »nachhaltiges Wachstum« verzichten. Entscheidend für eine wirklich nachhaltige Entwicklung ist es, ob wir unsere Substanz erhalten oder verzehren. Ob das BIP dann gerade wächst oder nicht, bleibt eine interessante, aber keine ausschlaggebende Frage.

Dass wir über Wachstum diskutieren müssen, erzwingen aber auch dessen Raten. Für Deutschland schrumpft das BIP tendenziell. Da sollte sich niemand von der XXL-Besoffenheit Brüderles kirre machen lassen. Die gigantisch hohen Zuwächse der Nachkriegszeit pendelten sich in den siebziger Jahren auf drei Prozent ein und dürften heute bei durchschnittlich einem Prozent liegen. Ein Staat, der seine Politik auf Umverteilung von Wachstumserlösen gründet, wird sich daher systematisch immer verschulden. Denn er verspricht mehr, als er hat.

Natürlich kommt ein wachstumssüchtiger Staat nicht einfach von der BIP-Droge los. Es gibt zahlreiche Zwänge, die man nicht wegdiskutieren kann. Unser heutiges Wirtschafts- und Sozialmodell beruht strukturell auf dem Zwang zu ständigem Wachstum. Die Schulden des Staates lassen sich leichter begleichen, wenn wir wachsen. Die Sozialsysteme können leichter finanziert werden. Bei einer alternden Gesellschaft ist das von großer Bedeutung. Auch die Finanzindustrie, die immer mehr Geld in Umlauf bringt, als durch Eigenkapitalhinterlegung und durch den Bezug zur Realwirtschaft zu begründen wäre, erzwingt das Wachsen.

Leserkommentare
    • Hickey
    • 20. Oktober 2010 7:49 Uhr

    Schon alleine aus dem Grund das die theoretischen Ausgaben der Umweltzerstörung nicht mit einberechnet sind.

    Würde man diese hinzurechen hätten wir allerhöchstwahrscheinlich ein negatives BIP.

    Eine Zahl die nur das abdeckt was man sehen will, ist nichts anderes als eine bewußte Fälschung und darin sind die Menschen Meister, Dinge nicht wahrhaben zu wollen, obwohl sie bereits vor der Türe stehen.

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    Umweltzerstorung treibt das BIP sogar noch weiter nach oben! Nie ist das BIP so hoch, wie nach Naturkatastrophen - da muss schliesslich alles wieder aufgebaut werden.

    • Hickey
    • 20. Oktober 2010 16:24 Uhr

    Ich rede nicht von Umweltkatastrophen wie Erdbeben, Lawinen etc., die von Menschen geschaffen Dinge vernichten, sondern von der direkten Umweltzerstörung durch Herstellungsprozesse.

    Das ist ein riesengroßer Unterschied.

    z.b. Die Rodung eines Waldstückes zur Nutzung von Landwirtschaftflächen.

    Man verliert Bäume, diese können nun kein CO mehr filtern, daher ist das ein Verlust, kein Gewinn.

  1. 34. nein...

    Umweltzerstorung treibt das BIP sogar noch weiter nach oben! Nie ist das BIP so hoch, wie nach Naturkatastrophen - da muss schliesslich alles wieder aufgebaut werden.

    Antwort auf "BIP ist nichtssagend"
    • Hickey
    • 20. Oktober 2010 16:24 Uhr

    Ich rede nicht von Umweltkatastrophen wie Erdbeben, Lawinen etc., die von Menschen geschaffen Dinge vernichten, sondern von der direkten Umweltzerstörung durch Herstellungsprozesse.

    Das ist ein riesengroßer Unterschied.

    z.b. Die Rodung eines Waldstückes zur Nutzung von Landwirtschaftflächen.

    Man verliert Bäume, diese können nun kein CO mehr filtern, daher ist das ein Verlust, kein Gewinn.

    Antwort auf "BIP ist nichtssagend"
  2. @ DerMaulwurf
    Vor der Gorbatchowschen 1989er-Wende hätten Sie, bezogen auf die Machtsystemkonkurrenz imperialer Gegenmächte, ähnliche Weiter-So-in-den-Absturz-Thesen verkünden können: "Diese Entwicklung ist die historisch wissenschaftlich beobachtete und damit die wahrscheinliche. Ihre Utopie leider nicht."

    Wer etwas Evolutionsprozess- und Chaosphysik drauf hat, weiß es besser. Sehen Sie sich doch die Liste meiner 'Erfolgsgeschichte' auf meiner Webseite an.

    Die Spitzenvertreter der GRÜNEN hoffen, dass die Leichtigkeit des Exodus aus dem 2%Wachstumszwang-Regime sich nicht so bald realisieren wird. Der Widerstand gegen den Exodus kommt von allen 'Systemparteien'. Das sind die politischen Parteien im Bundestag, die die Existenz des Wachstumszwang-Logik für ihre eigene Existenz brauchen. Ihre Spitzenvertreter sind alle macht- und honeckerblind und werden auch wie die SED-Spitze enden.

  3. Ich hab mal Physik Studiert, unter anderem auch theorethische Biophysik (die sich mit Evolution durchaus beschäftigt).

    Wenn ich aber Antworten zu Gesellschaftlichen Fragen suche dann halte ich mich doche eher an die Geisteswissenschaften wie Ethnologie, die Anthropologie oder die Soziologie.

    Die Physik hat auf gesellschaftliche Fragen keine Antworten.

    Lesen sie doch mal z.B. Max Weber. Das war ein schlauer Kopf. da kann man viel über unsere Gesellschaft lernen.

    Ehrlich gesagt kenne ich genügend Mathematiker, Physiker und dergleichen um genau zu wissen das man diese zu allem was mit Kommunikation ond Sozialer Interaktion zu tun hat als aller letzte zu befragen.

    Ihre webseite ermüdet durch Ihren pseudowissenschaftlichwen Kauderwelsch und versponnene Verschwörungstheorien nach ca 10 sekunden Beschäftigung und ist durchaus ein extremes aber gutes Beispiel dafür.

    Nix für ungut,

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    ... sofort ernst nehmen, weil er wußte, dass 'die Probleme niemals mit der Denkweise zu lösen sind, aus denen sie hervorgegangen sind'.

    Und er würde sich sehr anstrengen, meine Ausführungen systemisch zu verstehen. Er weiß, wie schwer es ist, ein wirklich neues, etablierte Denkschulen stürzendes Denkmodell an die Stelle einer erlernten, mainstream-gängigen 'Neandertal-Theorie' zu setzen. Sie, @DerMaulwurf können sich nicht aus den Fesseln der darwinschen oder luhmannschen 'Neandertal-Evolutionstheorie' lösen.

    Vor Jahrzehnten habe ich kurz mit N. Luhmann zum Thema 'Zielorganisiertheit des Evolutionsprozesses' telefoniert. Soviel Ignoranz gegenüber der OFFENSICHTLICHSTEN Logik im Evolutionsprozess hatte ich bis dahin auf dieser Ebene nicht für möglich gehalten. Sie, @DerMaulwurf, befinden sich also in bester Mainstream-Gesellschaft. Ich aber auch, denn Papst Benedikt XVI. hat sich bisher vergeblich bemüht, die Diskussion über die Zielorganisiertheit des Evolutionsprozesses zu beleben. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der die weltrevolutionäre Potenzial dieser Diskussion erkannt hat - und sich an dieser Diskussion mit einem eigenen Evolutionsprozess-Modell beteiligt.

  4. ... sofort ernst nehmen, weil er wußte, dass 'die Probleme niemals mit der Denkweise zu lösen sind, aus denen sie hervorgegangen sind'.

    Und er würde sich sehr anstrengen, meine Ausführungen systemisch zu verstehen. Er weiß, wie schwer es ist, ein wirklich neues, etablierte Denkschulen stürzendes Denkmodell an die Stelle einer erlernten, mainstream-gängigen 'Neandertal-Theorie' zu setzen. Sie, @DerMaulwurf können sich nicht aus den Fesseln der darwinschen oder luhmannschen 'Neandertal-Evolutionstheorie' lösen.

    Vor Jahrzehnten habe ich kurz mit N. Luhmann zum Thema 'Zielorganisiertheit des Evolutionsprozesses' telefoniert. Soviel Ignoranz gegenüber der OFFENSICHTLICHSTEN Logik im Evolutionsprozess hatte ich bis dahin auf dieser Ebene nicht für möglich gehalten. Sie, @DerMaulwurf, befinden sich also in bester Mainstream-Gesellschaft. Ich aber auch, denn Papst Benedikt XVI. hat sich bisher vergeblich bemüht, die Diskussion über die Zielorganisiertheit des Evolutionsprozesses zu beleben. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der die weltrevolutionäre Potenzial dieser Diskussion erkannt hat - und sich an dieser Diskussion mit einem eigenen Evolutionsprozess-Modell beteiligt.

    Antwort auf "Chaostheorie?"
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    wann diese zerebrale Flatulenz angefangen hat? Und lassen Sie das behandeln?

    • isualK
    • 20. Oktober 2010 18:15 Uhr

    Das sind aber dicke Bretter, die sich der Herr Kuhn hier zum Bohren zurechtlegt.

    Er stellt damit die Wirtschaftsordnung, die momentan auf fast der ganzen Welt gilt, in Frage. So sehr ich ihm in fast allen Punkten zustimmen möchte, allein mir fehlt der Glaube, dass sich, selbst bei einem sofortigen Ausstieg Deutschlands aus dem Hamsterrad, irgend etwas global verändern würde.

    Zur Zeit fängt es an, dass sich in Ländern wie China, Indien oder Brasilien eine Mittelschicht bildet, die auch etwas abhaben will vom Kuchen. Wie sollten wir das diesen Menschen verübeln?

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    @ isualK

    Sie irren! Das dicke Brett will Herr Kuhn nur wischen, zeigen, sein Image aufpolieren und das der GRÜNEN. Und nur wenige wissen, dass er gar nicht dran denkt, zu bohren. Ich habe einige Test mit div. Spitzengrünen mit diesem Ergebnis durchgezogen. Die GRÜNEN stellen nirgends die logisch-zwingende Machtfrage. Wenn Herr uhn sie in diesem Artikel gestellt hätte - hätte die ZEIT-Redaktion sicherlich diesen gefährlichen Beitrag veröffentlicht? [...]

    Wie vorstehend dargestellt kann nur ein evolutionsprozess- und chaosphysikalischer Ansatz erfolgreich sein, weil er sich mit der Exodusmacht ausstattet, der den Sturz der globalen Machtspitze der Kapitalstock-Maximierer dominmächtig und flutschig gestaltet.

    Alles große ist bekanntlich einfach - bezogen auf den Sturz u n d bezogen auf den Aufbau der nachfolgenden Fortschrittsordnung.

    Bitte achten Sie auf einen angemessenen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/er

  5. @ isualK

    Sie irren! Das dicke Brett will Herr Kuhn nur wischen, zeigen, sein Image aufpolieren und das der GRÜNEN. Und nur wenige wissen, dass er gar nicht dran denkt, zu bohren. Ich habe einige Test mit div. Spitzengrünen mit diesem Ergebnis durchgezogen. Die GRÜNEN stellen nirgends die logisch-zwingende Machtfrage. Wenn Herr uhn sie in diesem Artikel gestellt hätte - hätte die ZEIT-Redaktion sicherlich diesen gefährlichen Beitrag veröffentlicht? [...]

    Wie vorstehend dargestellt kann nur ein evolutionsprozess- und chaosphysikalischer Ansatz erfolgreich sein, weil er sich mit der Exodusmacht ausstattet, der den Sturz der globalen Machtspitze der Kapitalstock-Maximierer dominmächtig und flutschig gestaltet.

    Alles große ist bekanntlich einfach - bezogen auf den Sturz u n d bezogen auf den Aufbau der nachfolgenden Fortschrittsordnung.

    Bitte achten Sie auf einen angemessenen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/er

    Antwort auf "Dicke Bretter"

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