JubiläumDas ZEITmagazin wird 40

Am 2. Oktober 1970 liegt der ZEIT erstmals ein Magazin bei. ZEITmagazin-Redaktionsleiter Christoph Amend blickt zurück auf vier bewegte Jahrzehnte. von 

Die Hippie-Claudia – Cover 1/40

Die Hippie-Claudia – Cover 1/40

1970. Der Liter Benzin kostet in Deutschland 57 Pfennig, ein halber Liter Bier 70 Pfennig. Die beliebtesten Vornamen sind Nicole und Stefan. Im All sagt ein Astronaut der Raumfähre Apollo 13: "Houston, we’ve had a problem", und in Warschau kniet Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes des Warschauer Ghettos. Die Beatles trennen sich, und Kraftwerk gründen sich. Der erfolgreichste Film des Jahres heißt Airport, und in Hamburg wird Deutschlands erstes Programmkino eröffnet, das Abaton. In Berlin befreit Ulrike Meinhof Andreas Baader, sie gründen die RAF. In Mexiko verliert die deutsche Fußballnationalmannschaft das WM-Halbfinale gegen Italien und gewinnt die Herzen der Fans, auch weil der an der Schulter schwer verletzte Franz Beckenbauer mit einer Armbinde weiterspielt.

1970. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Alexander Solschenizyn erhält den Literaturnobelpreis, und der Deutsche Sportbund gründet die "Trimm dich"-Bewegung. Jimi Hendrix und Janis Joplin sterben; Claudia Schiffer und Naomi Campbell werden geboren. In New York findet der erste City-Marathon statt, in Las Vegas, wo sonst, beginnt Elvis Presley seine Comeback-Tournee. Und am 2. Oktober liegt der ZEIT erstmals ein Magazin bei. Auf der Titelseite ist ein junger Mann mit langen Haaren zu sehen. "Im Grunde", sagt er, wissen sie gar nicht, was sie von uns halten sollen …" Das war der Anfang.

40 Jahre später ist die Redaktion des ZEITmagazins aufgebrochen zu einer Reise in die Geschichte ihres eigenen Hefts. Monatelang haben wir über 1600 Ausgaben gelesen und gesichtet und dabei gemerkt, wie sehr sich gute Geschichten in ihrem Wesen ähneln, egal, ob sie in den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern oder in den nuller Jahren erschienen sind. Das ZEITmagazin war immer schon die emotionale Seite der ZEIT , opulente Bildstrecken standen neben aufklärenden Sozialreportagen, gefolgt von Tipps für die besten Restaurants in Paris. Das ZEITmagazin war und ist eine wilde Mischung von Reportagen und Kolumnen, von Porträts und Interviews aus Gesellschaft und Politik, Kultur, Mode und Stil.

Anzeige

Wir haben, als wir dieses Heft gemacht haben, oft gestaunt, wie aktuell viele Geschichten aus den vergangenen Jahrzehnten bis heute sind. Wir haben uns gewundert über manchen Zeitgeist, der längst vergessen ist, und waren baff, wie früh manch anderes, das blieb, erkannt wurde. Wir waren beeindruckt von Recherchen unserer Vorgänger über gesellschaftliche Missstände, und wir haben uns erfreut am Glamour der frühen Jahre. Und irgendwann haben wir gemerkt, dass die besten Geschichten und Bilder zusammen eine Chronik der Gefühle ergeben, die Deutschland in den vier Jahrzehnten bewegt haben.

Als das ZEITmagazin 1970 erschien, war es das erste seiner Art in Deutschland, 1980 folgte das FAZ-Magazin, 1990 das SZ-Magazin . Der legendäre und langjährige Chef, Jochen Steinmayr, gab seinen Autoren Freiheit, Zeit, Raum – und das größtmögliche Themenspektrum. Gourmetkritiker Wolfram Siebeck hat den Geschmack der Deutschen wie kein Zweiter geprägt. Reporter Michael Holzach schrieb seine großen Sozialreportagen, Jörg Burger porträtiert ihn in diesem Heft. Auch Michael Naumann, ZEITmagazin -Mann der ersten Stunde und später erster Kulturstaatsminister der Republik, ZEIT-Chefredakteur und -Herausgeber, stand für den ungewohnten Blick auf das Leben, den wir heute noch immer pflegen. (Nur dass zum Entspannen heute nicht mehr Hasch geraucht wird wie in den Siebzigern, als man es im Redaktionskühlschrank lagerte.)

Im Frühjahr 1999 kam es zum – glücklicherweise nur vorläufigen – Ende des Magazins. Die wirtschaftliche Lage der ZEIT war kompliziert, auch die anderen Magazine hatten es schwer, es fehlten Anzeigen. ZEIT und FAZ stellten ihre Hefte im selben Jahr ein. Ein Fehler, wie selbst die damals Verantwortlichen heute einräumen.

Das Magazin-Format in der ZEIT machte nun, wenn man so will, ein achtjähriges Sabbatical. Dennoch lebte der Magazin-Journalismus im neu gegründeten Zeitungsressort Leben fort, hier wurde etwa die Serie Ich habe einen Traum erfunden; Harald Martenstein wurde als Kolumnist entdeckt. Deshalb geht es in diesem Geburtstagsheft auch um Geschichten, die in jenen Jahren erschienen sind. Im Frühjahr 2007 wurde aus dem Leben-Ressort heraus das neue ZEITmagazin entwickelt, das in der Einführungsphase deshalb zunächst ZEITmagazin Leben hieß. 

Die Wiedereinführung des Magazins war die Idee von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der dem Heft seitdem auch als Kolumnist verbunden ist. Seine Gespräche Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt sind längst Klassiker und als Buch ein Bestseller. Auch die Nachfolge-Reihe Verstehen Sie das, Herr Schmidt? gehört zu den beliebtesten Formaten des Magazins.

2010. Das ZEITmagazin ist jetzt 40. Deshalb haben wir uns gefreut, dass Deutschlands berühmteste 40-Jährige uns mit einer ganz besonderen Fotoproduktion zum Geburtstag gratuliert. Das ist das Einzigartige an diesem ZEITmagazin: Es erscheint in 40 Varianten, jede mit einem unterschiedlichen ersten Titel-Bild. Claudia Schiffers Bilder sind eine Hommage an das Lebensgefühl der vergangenen 40 Jahre, von den Hippies bis zum Manga-Comic. Und damit kein Leser auf die 39 übrigen Fotos verzichten muss, sind alle Motive auf dem zweiten Titel versammelt.

Bestimmt haben wir in unserem Rückblick etwas vergessen, aber wir wollen auch nicht alles abdecken und es jedem recht machen. Wir sind lieber Chronisten der Gefühle unserer Zeit. Kann sein, dass das an unserem Jahrgang liegt. Das ZEITmagazin ist eben ein Kind der siebziger Jahre.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Also ich bin mir ziemlich sicher, dass Willy Brandt 1970 nicht vor dem Denkmal für die ermordeten Juden kniete, sondern vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghetto-Aufstands 1943.

  2. Freier Autor

    Sie haben Recht: das Denkmal, vor dem Willy Brandt kniete, war das "Denkmal der Helden des Ghettos", für die Gefallenen des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Allerdings wurde Brandts Kniefall durchaus als Kniefall vor allem Opfern des Nationalsozialismus, insbesondere den jüdischen Opfern im Holocaust verstanden. Wir haben den Fehler selbstverständlich korrigiert.

    Mit freundlichen Grüßen

    Daniel Erk

  3. Hallo liebe Zeitmagazin-Menschen,

    in Ihrem Jubiläumsheft steht ja rein gar nichts über das berühmte Um die Ecke gedachte Rätsel! Ich hätte doch gerne gewusst, ob die Rätseldefinitionen durch Zusammenarbeit der Redaktionsmitglieder zustande kommen, oder ob da ein einzelner Mensch irgendwo sitzt und brütet, bis er das Rätsel zusammen hat. Vielleicht finden Sie ja mal die Möglichkeit, dieses Rätsel für mich zu lösen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Helmut Schmidt | Claudia Schiffer | Willy Brandt | Franz Beckenbauer | Jimi Hendrix | Airport
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service