Ein Demonstrant auf seinem Fahrrad beteiligt sich an einer Demonstration gegen die Stuttgart 21 © Thomas Kienzle/ AFP/ Getty Images

Sind wir eigentlich noch hysterisch oder schon verrückt geworden? Die Frage, ob Karl-Theodor zu Guttenberg das Zeug zum Kanzler hat, ob also ein 38-Jähriger, der noch vor zwei Jahren weitgehend unbekannt war und der noch zu jung ist, um bayerischer Ministerpräsident werden zu können (das Mindestalter liegt bei 40 Jahren), die Frage, ob dieser Guttenberg demnächst das Land regiert – sie wäre uns bis vor Kurzem absurd erschienen. Immer mit der Ruhe, hätten wir gesagt, der Mann hat Talent, aber er ist noch jung. Und ob er Kanzler kann, darüber reden wir in ein paar Jahren.

Aber Ruhe herrscht gerade nicht im Land, weshalb auf einmal vieles möglich scheint, was gestern noch ausgeschlossen war. Die Grünen überflügeln demnächst die CDU – zumindest in Baden-Württemberg? Angela Merkel stürzt über den Streit um einen Regionalbahnhof? Und Guttenberg wird Kanzler? Immer überdrehter wirken die Debatten, egal, ob es um Sarrazin oder um Seehofer geht, um Zuwanderung oder Stuttgart 21.

Dabei sind es diesmal nicht allein die Medien, die die Stimmung befeuern. Die Erregung ist zu greifen auf dem Bahnhofsvorplatz in Stuttgart, wo Parkschützer ihren Einsatz für ein paar Bäume zum »Widerstand« verklären und den Ministerpräsidenten Stefan Mappus mit Adolf Hitler vergleichen. Oder im Münchner Literaturhaus, wo eine Diskussion mit Thilo Sarrazin unlängst zum Tribunal stilisiert wurde, bei dem ehrenwerte Bürger ihrem Zorn einmal richtig Luft machten.

Deutschland im Herbst 2010, das ist ein hysterisches Land geworden.

Vertrauen, das einmal verloren ist, lässt sich nicht beliebig erneuern

Dabei ist es gar nicht leicht zu erklären, woher die Erregung rührt. Gewiss verkörpert Guttenberg, der Adlige, für viele Menschen die Sehnsucht nach Haltung und das Versprechen, Politik könnte ganz anders sein – unabhängig, entschlossen, charismatisch. Auch die Proteste in Stuttgart haben solch erstaunlichen Zulauf bekommen, weil sie etwas Grundsätzliches formulieren: die Absage an Politiker, die als Technokraten auftreten und bevorzugt mit Sachzwängen argumentieren. Schließlich passt es ins Bild, wenn nun die Grünen, die vor 30 Jahren als Protestpartei begannen, noch einmal wachsen würden – als Partei des etablierten Protestes.

Mag sein, dass es so ist. Mag sein, dass alle Erregung aus derselben Quelle sprudelt: aus einem tief empfundenen Ungenügen an der herrschenden Politik und der zunehmend verzweifelten Suche nach Alternativen. Doch die Proteste und die Debatten dieses Herbstes, vom Sarrazin-Zorn bis zum Stuttgart-21-Widerstand, haben zugleich etwas Haltloses, Überschießendes. Sie treten auf in einem Land, das bei aller Unvollkommenheit vergleichsweise gut dasteht.

Die Integration von Millionen Menschen führt zu Konflikten, aber in den deutschen Großstädten brennen bislang – zum Glück – nur ein paar Mülleimer. Die Zahl der Arbeitslosen ist von mehr als fünf auf drei Millionen gesunken. Die Wirtschaft wächst wieder kräftig; Deutschland steht zwei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise so gut da wie kaum ein anderes westliches Land. Die Regierungen, insbesondere die Große Koalition, haben ihren Teil zu diesem Erfolg beigetragen. Neues Vertrauen ist dadurch nicht entstanden. Im Gegenteil, die SPD wurde bei der letzten Bundestagswahl böse bestraft; auch die Union hat Stimmen verloren.