Arzneimittelkosten Heute rote Pillen, morgen grüne
In den Niederlanden sind bestimmte Medikamente viel günstiger als in Deutschland. Wie geht das?
Zum Beispiel Simvastatin: Der Cholesterinsenker ist in den Niederlanden viel billiger als hierzulande. Das preiswerteste Präparat kostet eine Apotheke beim Einkauf gerade mal 1,21 Euro, das sind 6,41 Euro weniger als in Deutschland. Und dann bekommt der niederländische Patient auch noch zehn Tabletten mehr pro Packung. Ein Wunder?
Simvastatin ist keine Ausnahme. Die Niederländer haben den Deutschen einiges voraus, wenn es darum geht, bei Medikamenten Geld zu sparen. Besonders beeindruckend ist die Entwicklung bei den Generika – das sind preiswerte Nachahmerpräparate, die auf den Markt kommen, wenn der Patentschutz für ein Original abgelaufen ist. Die Niederländer haben es geschafft, die Ausgaben für Generika in den vergangenen sechs Jahren um ein Drittel zu senken, obwohl sie nahezu zwei Drittel mehr verbraucht haben. In Deutschland hingegen stiegen die Ausgaben für Generika weiter an, wenn auch in geringerem Umfang als der Verbrauch. Bei den teuren, patentgeschützten Medikamenten gelingt es den Holländern immerhin, die Kosten nicht stärker als den Verbrauch wachsen zu lassen, während die Schere in Deutschland dramatisch auseinandergeht. Wie machen die Niederländer das bloß?
Besuch beim obersten Preisedrücker in Amsterdam. Der Pharmakologe Martin van der Graaff leitet die Abteilung für Arzneimittelerstattung beim College voor zorgverzekeringen (CVZ). Das ist die Institution, die für das niederländische Gesundheitsministerium Medikamente bewertet, eine Art Gegenstück zum deutschen IQWiG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.
Van der Graaff ist Jahrgang 55, ein eloquenter Grauschopf, der auch im Nadelstreifenanzug noch locker wirkt. Er erinnert sich gut, wie die Pharmaindustrie reagierte, als die niederländische Regierung 1996 das Gesetz über Medizinpreise (Wet Geneesmiddelen Prijzen) beschloss: Demnach darf der Preis eines Medikaments in den Niederlanden nicht über der durchschnittlichen Vergütung in vier Referenzländern liegen, darunter Großbritannien, das für seine strengen Kosten-Nutzen-Entscheidungen berühmt ist.
»Kommunistische Gesetzgebung«, schimpfte die Pharmabranche damals, erzählt van der Graaff. Er erinnert sich so genau, weil er damals selbst noch für die Industrie arbeitete. Erst forschte er elf Jahre für Organon und Solvay Pharma, dann war er zwölf Jahre lang für Nefarma tätig, die Lobbyorganisation der Forschenden Arzneimittelhersteller in den Niederlanden. Seit 2008 arbeitet er nun für das CVZ. Grund seines Wechsels sei »jedenfalls nicht das Geld gewesen«, schmunzelt van der Graaff, den seine neuen Kollegen als akribischen Wissenschaftler schätzen. Er habe Lust auf Neues gehabt. Von der Pharmalobby zur Arzneimittelbewertung im Regierungsauftrag? In Deutschland wäre dieser Rollentausch kaum vorstellbar. Van der Graaff findet ihn nicht weiter bemerkenswert. Der niederländische Gesundheitsmarkt sei stark reguliert. Ob nun er die Vorgaben umsetze oder jemand anderes, sei nicht ausschlaggebend.
Das mag untertrieben sein. Aber tatsächlich hat die niederländische Regierung klare Regeln eingeführt, um die Kosten auf dem Pharmamarkt zu kontrollieren . Dass das bei den Generika besonders gut gelingt, ist einer Initiative der Krankenversicherer zu verdanken. Seit 2007 sind die Preise für 33 Wirkstoffe, darunter Simvastatin, teilweise um bis zu 90 Prozent gesunken. Die Regierung hatte dafür den Weg bereitet, indem sie die Spielregeln veränderte: Früher durften die niederländischen Apotheker entscheiden, welches Präparat ein Patient bekommt, wenn der Arzt einen bestimmten Wirkstoff verordnet hat. Heute sind es die Krankenversicherer. Alle sechs oder zwölf Monate verhandeln sie mit den Generikaherstellern. Am Ende machen sie die günstigsten Produkte oder solche, die preislich nicht mehr als fünf Prozent darüber liegen, zu ihren bevorzugten Präparaten. Nur deren Kosten werden anschließend erstattet. »Das funktioniert fantastisch«, sagt van der Graaff.
Die Apotheker dagegen treibt das neue System mitunter zur Verzweiflung – und manchen gar in den Ruin. Die Apotheke W.H. van der Meulen liegt an einer Straßenecke in Amsterdam. Das geschwungene Ladenregal ist mit Marmorsäulen verziert, die Salbengläser stammen aus dem 19. Jahrhundert. Vor mehr als 300 Jahren wurde die Apotheke gegründet, sie gilt als die älteste in den Niederlanden. »Es sind schwierige Zeiten«, sagt die 26-jährige Apothekerin Ho Jan Tang. Denn mit den Generikapreisen sind auch die Gewinnspannen der Apotheker geschrumpft.
- Datum 26.10.2010 - 16:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.10.2010 Nr. 43
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Natürlich macht es Sinn, staatliche Kontrollbehörden aufrecht zu erhalten. Wobei die IQWiG bei uns von der Pharma kontrolliert wird und unsere Mafiaregierung gerade erst pharmafreundliche Änderungen an den Kontrollmechanismen durchgesetzt hat.
Aber warum gründet man nicht eine EU Kontrollbehörde, die Medikamente für den EU Bedarf freigibt. Es würde den Kassen freigestellt werden, in welchen Land sie ihre Medikamente kaufen. Warum lässt man den Markt für Medikamente nicht komplett offen in Europa? Ich finde, jede medizinische Einrichtung sollte ihre Medikamente auch im Ausland kaufen können. EU-Prüfungsbehörde gibt Medikamente frei (bitte komplett unabhängige Gutachten) für den offen EU-Markt.
Sie bejubeln, daß Kassenfunktionäre bestimmen, welche Arzneimittel der kranke Beitragszahler bekommt - und nicht der Arzt und nicht der Patient. Sie bejubeln, daß Kassenfunktionäre die Vielfalt des Angebots nach gusto reduzieren, nach Möglichkeit auf den allerletzten Dreck.
Sie bejubeln Nachfrageoligopole und -monopole, die bekanntlich die Inkarnation des Gemeinwohls sind.
Sie verklären Preis- und Nachfragereglementierungen für Arzneimittel zur Kostenkontrolle im Gesundheitswesen. Bei uns landen 9 von 10 Beitragseuronen nicht in den Kassen der Arzneimittelhersteller. Auswüchse bei Arzneimittelpreisen sind ärgerlich, wären einfach zu beseitigen - und sind dennoch nur ein untergeordnetes Problem, was den unsäglichen Umgang mit den Beiträgen der Versicherten angeht.
Managed Care wird auch in Europa versagen, wie in den USA längst geschehen. Mehr als Leistungsverweigerung, d.h. die Just Say No Diet, ist nachhaltig nicht möglich. Sie werden Ihre Gründe haben, warum Sie dennoch für die Entmündigung der Patienten werben.
zitat aus 2: "...sind dennoch nur ein untergeordnetes Problem ..."
auch wenn mit den beitragsgeldern noch weitaus mehr schindluder getrieben wird, so empfinde ich den 6-fachen preis durchaus nicht als 'untergeordnetes problem', sondern schlicht als abzocke!
lg
zitat aus 2: "...sind dennoch nur ein untergeordnetes Problem ..."
auch wenn mit den beitragsgeldern noch weitaus mehr schindluder getrieben wird, so empfinde ich den 6-fachen preis durchaus nicht als 'untergeordnetes problem', sondern schlicht als abzocke!
lg
Ich meine das in Bezug auf Generika. Wenn die Krankenkassen ihre eigenen Medikamente herstellen, würden sie, also letztlich die Patienten, den Gewinn einfahren.
zitat aus 2: "...sind dennoch nur ein untergeordnetes Problem ..."
auch wenn mit den beitragsgeldern noch weitaus mehr schindluder getrieben wird, so empfinde ich den 6-fachen preis durchaus nicht als 'untergeordnetes problem', sondern schlicht als abzocke!
lg
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