Als Roland Koch Ende August noch einmal die Stationen seines politischen Lebensweges aufsuchte, führte ihn die Abschiedstour auch in die Friedrich-von-Schiller-Schule in Wiesbaden. Da saß der scheidende Ministerpräsident im Stuhlkreis mit einem Dutzend Fünfjähriger zusammen, die vor der Einschulung Deutsch lernten. Kochverteilte Schlüsselanhänger, lächelte in die Kameras und pries die hessische Bildungspolitik. Seine Regierung habe dafür gesorgt, dass niemand in die erste Grundschulklasse komme, der seine Lehrerin nicht verstehe. Hessen sei der "Trendsetter" der Republik.

In sogenannten Vorkursen lernen hessische Kita-Kinder aus Einwandererfamilien seit 2002 spielerisch die deutsche Grammatik und erweitern ihren Wortschatz. Anfangs stießen die Kurse auf Kritik, von "Zwangsgermanisierung" war die Rede. Mittlerweile sind fast alle Kultusminister dem Beispiel aus Hessen gefolgt. Dort haben mittlerweile 50.000 Kinder ein Sprachtraining absolviert, 98 Prozent der Eltern schicken ihr Kind freiwillig in die Kurse, wenn ein Test dies empfiehlt. Von Integrationsverweigerung keine Spur. Und die Zahl der Sitzenbleiber unter den Migrantenkindern in der Grundschule ist auch gesunken.

Die Vorkurse könnten als voller Erfolg gelten – wäre da nicht diese Studie, die im hessischen Schulministerium in der Schublade liegt. Das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm sollte herausfinden, auf welche Art die Kinder besser lernen: Wenn sie einem vorgegebenen Sprachprogramm folgen oder wenn es dem einzelnen Lehrer überlassen bleibt, wie er ihnen korrektes Deutsch beibringt?

Überraschendes Ergebnis: Egal, nach welcher Methode die Kinder lernen, ihre Fortschritte sind in allen Kursen gleich – beziehungsweise gleich marginal. Exakt beziffern lassen sich die Lernzuwächse zwar nicht, da der Studie eine Vergleichsgruppe ohne spezielles Training fehlte. Fest steht jedoch, dass die Migrantenkinder auch nach den neun Fördermonaten sprachlich weit hinter ihren deutschstämmigen Altersgenossen hinterherhinkten – und das, obwohl sie fast alle bereits lange eine Kita besucht hatten. "Wir waren erstaunt, dass die Effekte so klein sind", sagt Studienleiterin Steffi Sachse. Schon fragt man sich: Wären die Vorschüler vielleicht ohne Kurs ebenso weit vorangekommen? Schließlich lernt jedes Kind mit zunehmendem Alter automatisch dazu.

Genau diesen Schluss muss man aus einer anderen, ebenso unveröffentlichten Analyse der Freien Universität Berlin ziehen. Diese hatte ein Sprachprogramm in Brandenburg untersucht, in dem Vorschüler von speziell geschulten Erzieherinnen ein Deutschtraining erhielten. Auch hier unterschieden sich die Fähigkeiten der Kinder kaum von jenen der Altersgenossen ohne besondere Förderung. "Die Vorstellung, mit Extrastunden Deutsch vor der Einschulung könnten Vier- oder Fünfjährige ihre Sprachdefizite aufholen, ist eine Illusion", kommentiert Detlef Diskowski, im Brandenburger Ministerium für die Kitas zuständig und einer der erfahrensten Experten auf dem Feld.

Diese Erkenntnis dürfte die Pläne der Kultusminister empfindlich stören. Denn sie wollen pünktlich zur nächsten Pisa-Runde im Dezember eigentlich eine positive Bilanz ihrer Arbeit, neun Jahre nach dem ersten internationalen Leistungsvergleich, präsentieren. Deutschland belegte damals nur einen beschämenden Platz im unteren Mittelfeld. Danach sollte gerade die Sprachförderung in der Kita als Vorzeigebeispiel zupackender Bildungspolitik dienen.

Sieben Felder hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Dezember 2001 definiert, auf denen sie vieles anders zu machen versprach. Gleich im ersten Punkt verspricht die KMK, die "Sprachkompetenz im vorschulischen Bereich" zu verbessern. Seitdem darf in keinem Integrationsplan und keiner Politikerrede zur Migrantenmisere der Hinweis auf Deutschkurse für Kinder aus Einwandererfamilien fehlen. Als der derzeitige KMK-Präsident, der Bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle, vergangene Woche gefragt wurde, wie man der Diskriminierung deutscher Jugendlicher an Brennpunktschulen begegnen könnte, antwortete er zuerst: mit Deutschförderung bereits vor Schulbeginn.