ReiseliteraturNimmst du mich mit?

Autoren schildern ihre Erfahrungen mit heiklen Reisepartnern von Susanne Sitzler

Wer gern liest, weiß von Sartre, dass die Hölle immer die anderen sind. Wer gerne reist, hat das vermutlich schon selbst erfahren. Die schönste Reiseroute ist umsonst, wenn man mit den falschen Leuten unterwegs ist. Allein durch den Dschungel? Das mag eine Kleinigkeit sein, verglichen mit der Fahrt durch Italien, die Jane Christmas und ihre Mutter unternehmen. Reisen mit Mama. Mit dem Rollator durch Italien heißt das Buch der australischen Autorin. Mit Anfang fünfzig beschließt sie, das von Missverständnissen geprägte Verhältnis zu ihrer Mutter zu klären. Sie lädt sie auf eine Reise durch ihr Traumland Italien ein. »Bei einem kühlen Glas Wein« könnten sich die beiden über ihre problematische Beziehung unterhalten.

Das Vorhaben erweist sich bald als Irrwitz. Denn die Mutter ist wesentlich gebrechlicher, als es die Tochter wahrhaben wollte. Ohne Rollator kann und will die Ältere kaum einen Schritt gehen. Im behindertenunfreundlichen Italien bringt das erheblichen Aufwand mit sich und verscheucht zum Unwillen der Autorin auch flirtwillige Italiener. Vor allem ahnt Jane Christmas aber nicht, worauf sie sich in psychologischer Hinsicht einlässt. Die dickköpfige Mutter macht keine Anstalten, sich in eine warmherzige Frau zu verwandeln. Im Gegenzug kann die Tochter ihren ständig aufbrausenden Trotz nicht überwinden. Davon erzählt die Autorin mit angelsächsischem Witz. »Neben dem Verdacht, ich könnte adoptiert sein, plagte mich von jeher die Frage, wie es kam, dass die Beziehung zwischen uns so früh schon entgleiste.« Die Reise scheitert. Am unterschiedlichen Tempo der beiden Partnerinnen, aber vor allem daran, dass sich beide nicht die Mühe gemacht haben, ihre Erwartungen vorher zu klären. Die Mutter will viel Zeit mit der Tochter verbringen. Dieser aber geht es darum, ihre Mutter neu kennenzulernen: »Ich wollte sehen, ob ich sie nicht endlich lieb gewinnen könnte.« An so einem Anspruch würden auch gelassenere Menschen scheitern.

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Die gründliche psychologische Planung scheint das Erfolgsgeheimnis zu sein. Dem Ehepaar Julia und Stefan Meinhold ist damit eine zweijährige Weltreise gelungen – auf dem Tandem. In ihrem Buch Gangwechsel erzählen die beiden Frankfurter abwechselnd und kurzweilig, wie sie mit Anfang dreißig eine Pause vom Beruf nahmen und sich für unbestimmte Zeit auf ihr Fahrrad setzten. Von Neuseeland über Hawaii bis Peru kamen sie. Und kehrten genauso glücklich zurück, wie sie losgefahren waren. Zum einen, weil beide genau wussten, was vom anderen zu erwarten ist: Ausdauer und Humor bei Julia, aber auch ihre Ängstlichkeit, die sich durch exakte Zeit- und Etappenplanung überwinden lässt. Erfahrung und eine leichte Grundschlunzigkeit bei Stefan, seine unerschütterliche gute Laune und extreme Belastbarkeit. Beide verbindet die Lust, sich der Welt auszusetzen. Die Fahrt auf dem Tandem empfinden sie als »ein gutes Training für die Ehe«: Keiner hat allein die Kontrolle, jeder nimmt die Bewegungen des anderen wahr. So nah und ohne Augenkontakt »ergeben sich die besten Gespräche«.

Eine Busreisegruppe unterscheidet sich nur wenig von einem Kindergarten

Auch Gerhard und Sibylle von Kapff kennen einander gut. Zusammen mit Lukas und Felix, ihren acht und zehn Jahre alten Söhnen, sind sie von München bis nach Venedig gewandert. Mit zwei Elefanten über die Alpen heißt Vater Gerhards Buch, dessen Titel auf die Plüschtröster der Kinder anspielt. Leicht macht es Kapff seinen Söhnen nämlich nicht. Der Sportredakteur tritt väterlich-autoritär auf und zwingt die zunehmend mauligen Kinder zu ihrem Wanderglück. Seine Ehefrau bleibt eher unauffällig und fungiert als Sekundantin. Die Herausforderung dieser Gruppe besteht darin, die unterschiedlichen Leistungs- und Motivationsniveaus der Mitglieder auszugleichen und gleichzeitig die fest gefügten Hierarchien nicht ins Wanken zu bringen. Davon erzählt Kapff in einem sehr detaillierten und gerade deshalb erstaunlich lebendigen Bericht. Am Ende gibt die normative Kraft des Faktischen der ungleichen Wandergruppe recht: Der Vater hat entschieden, alle sind gefolgt und kommen tatsächlich auf dem Markusplatz an. Der Stolz, das Ziel als Familie erreicht zu haben, festigt die Gemeinschaft und rechtfertigt die einseitige Begeisterung, mit der die Wanderung begann.

Erstaunlicherweise fährt in allen drei Büchern irgendwann ein Reisebus vorbei, für deren Insassen die Autoren nichts als Spott übrig haben. Die bequeme Fahrt im großen Rudel erscheint ihnen als Antithese zu ihrem Engagement in der Kleingruppe. Der langjährige Reisebus-Chauffeur Jens Bergmann sieht das anders: Busreisen machen glücklich heißt das Buch, in dem er von seinen Erlebnissen erzählt. Mit trockenem Witz und Zuneigung für seine Fahrgäste gibt er Einblicke in die besondere Dynamik einer Busreisegruppe, die sich oft nur unwesentlich von einem Kindergarten zu unterscheiden scheint. »Wie immer bin ich zutiefst beeindruckt von der scharfsinnigen Beobachtungsgabe meiner Gäste, die stets in der Lage sind, einen Kommentar zur Lage abzugeben«, schreibt Bergmann. Dabei verrät er auch ein paar Tricks in kritischen Situationen. Wenn ihm seine Schäfchen zu sehr auf die Nerven gehen, sagt er entschlossen: »Bitte einsteigen und anschnallen.« Das wirkt in etwa 96 Prozent aller Fälle. Mit ruhiger Bestimmtheit bändigt Bergmann noch den betrunkensten Damenkegelklub in den hinteren Reihen. Nur als ihn ungeduldige Mitreisende nachts aus dem Bett scheuchen, um mitzuteilen, dass ihnen das Essen im Hotel nicht behagt, möchte er »den Colt zücken«. So erscheint Bergmann als der ideale Reisebegleiter. Denn selbst bei Dauerregen und dauernörgelnden Mitreisenden gelingt es ihm noch, das zu genießen, was das Unterwegssein an schönen Aussichten, lokalen Spezialitäten oder harmonischen Momenten zu bieten hat. Damit macht er es auch der Gruppe leicht.

Auf einmal verkehren sich die Verhältnisse. Mit dem Tandem durch die Welt? Mit der Familie über die Alpen? Mit seiner Mutter und ihrem Rollator durch Italien? Das alles ist zwar schwierig, aber machbar. Die Kunst scheint plötzlich darin zu bestehen, mit wildfremden Leuten wochenlang in einem Bus über Autobahnen fahren, jeden Morgen wieder einzusteigen und diese Art der Reise immer wieder neu zu wagen. Vielleicht sieht das wahre, letzte Abenteuer in unserer individualistischen Welt so aus.

Jane Christmas: "Reisen mit Mama. Mit dem Rollator durch Italien". Malik, München 2010; 343 Seiten, 19,95 €
Julia und Stefan Meinhold: "Gangwechse. Eine Weltreise mit dem Tandem". Delius Klasing, Bielefeld 2010; 277 Seiten, 19,90 €
Gerhard von Kapff: "Mit zwei Elefanten über die Alpen. Eine Familie wandert von München nach Venedig." terra magica/Herbig, München 2010; 206 Seiten, 19,95 €
Jens Bergmann: "Busreisen machen glücklich. Die irdische Art, himmlisch zu reisen." epubli Verlag, Berlin 2010; 192 Seiten, 15,90 €

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