Wer rettet unsere Kommunen vor dem Finanzkollaps? Wer baut Netze für die Energie der Zukunft? Wer hilft, wenn das nächste Hochwasser droht? In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir Frauen und Männer, die schon heute in Berufen arbeiten, die morgen noch wichtiger sein werden.
Teil 8: Lehrer

Manchmal denkt sie: Ein Jahr einfach nur so unterrichten können, das wäre auch nicht schlecht. Kathrin Warneke lacht, als sie das erzählt. "Aber im Prinzip ist diese Abwechslung genau das, was den Beruf so spannend macht", sagt sie dann. Die Hamburgerin ist das, was man eine moderne Lehrerin nennt: Sie macht ein bisschen Schulpolitik hier, ein wenig Informationsarbeit da, bildet sich weiter, diskutiert, plant, bringt sich ein – und all das neben dem Unterricht. Die 37-Jährige sagt: "Für mich gab es noch nie eine Alternative zu diesem Beruf. Seit meinem Referendariat habe ich mich keinen Tag gelangweilt."

Nein, langweilen müssen sich Lehrer heutzutage wahrlich nicht: Nie zuvor gab es so viele Reformen, die sie umsetzen müssen. Nationale Bildungsstandards, Ganztagsschulen, Oberstufenreform – ständig wird bewertet, neu gedacht, umgemodelt. Gerade erst erlebten die Hamburger eine Zusammenlegung ihrer Haupt- und Realschulen zu Stadtteilschulen. Die führen wie Gymnasien zum Abitur, allerdings nicht in zwölf, sondern in dreizehn Jahren. So können Schüler sich noch in der zehnten Klasse entscheiden, es doch mit dem Abi zu versuchen – oder sie gehen mit der Mittleren Reife ab.

Weil Haupt- und Realschulen der Vergangenheit angehören, gab es viele Fusionen – auch Kathrin Warnekes Kurt-Tucholsky-Gymnasium wurde mit einer benachbarten Schule zu einer Ganztagsstadtteilschule zusammen gelegt. So war vieles ungewohnt, als Warneke nach den großen Ferien an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte: Auf dem Schulhof begegnen ihr seitdem fremde Gesichter, die Schüler bleiben neuerdings bis zum frühen Abend, und statt Leistungskursen gibt es Schwerpunkte. Eine bunte Mischung an Schülern muss nun unterrichtet werden, auf unterschiedlichem Niveau. Einige Lehrer haben deshalb das Kollegium verlassen. Warneke dagegen sagte sich: "Man muss veränderungsfreudig sein in meinem Beruf" – und dann arbeitete sie an den Neuerungen mit. Sie ist nun mal eine, die gern anpackt. Statt mit der typischen Lehrerkladde läuft sie mit einem riesigen Rucksack voller Unterrichtsmaterial durch die Schule, beide Hände frei. Sie steht für einen neuen Typus, den Lehrer von morgen: veränderungsfreudig und stets bereit, eingefahrene Muster zu hinterfragen Wer Warnekes Unterricht besucht, bekommt eine Ahnung davon, was das bedeutet.

Es ist ein Freitagvormittag, noch zwei Stunden bis zu den Herbstferien. Nach und nach treffen die Schüler im Klassenzimmer ein, Rucksäcke und Taschen landen unter den Tischen, leises Maulen ist zu hören: Sind doch eh bald Ferien. Kathrin Warneke weiß, dass sich die Begeisterung für Spanisch heute in Grenzen hält. Deshalb hat sie den Schülern aufgetragen, Fotos von ihren Hobbys und Familien mitzubringen – sie sollen reden dürfen. Warneke läuft im Klassenraum umher und fordert ihre Schüler immer wieder auf, die mitgebrachten Fotos zu beschreiben. Zeit zum Quatschen über die anstehenden Ferien bleibt nicht, Warneke ist überall. Ihren Fragen und Blicken können die Jugendlichen nicht ausweichen. Die Lehrerin spricht ihre Schüler mit Namen an, und das laut und deutlich – so lange, bis sie antworten. Nachdem die Schüler auf Spanisch einander die Hobbys erklärt haben, lässt Warneke einzelne vor der ganzen Klasse ihr Foto beschreiben. An anderen Tagen spricht sie selbst am meisten und schreibt wichtige Vokabeln an die Tafel, weil sie weiß, dass ihre Schüler manchmal auch Frontalunterricht zu schätzen wissen.

Hier, zwischen Kreidestaub und Schulbüchern, beginnt man zu verstehen, wie anstrengend die Umsetzung der politischen und pädagogischen Leitlinien sein kann, die von draußen auf die Lehrer einströmen. Etwa das Prinzip der Individualisierung. Die Anforderung lautet: Erkenne die Stärken und Schwächen jedes Schülers, und finde die Unterrichtsform, die ihm gerecht wird. Kurz: Sei nicht nur Lehrer, sondern auch Diagnostiker.