Ostdeutsche Unis : Mach rüber!

Eine staatlich finanzierte Kampagne soll Studenten in den Osten locken. Doch schafft sie das auch?
Poppig, bunt, schrill: Ein Schauspieler wirbt für "Studieren in Fernost" © Hochschulinitiative Neue Bundesländer

An der Universität Rostock durften sie mit Robben schwimmen, an der Hochschule Magdeburg-Stendal löschten sie ein Feuer, in Halle pflügten sie den universitären Versuchsacker um die Wette. Die Botschaft hinter alldem: Ostdeutsche Hochschulen haben einiges zu bieten! Vermitteln wollten das die Macher der PR-Aktion »Rallye Fernost«, bei der westdeutsche Schüler die ostdeutsche Hochschullandschaft erkundeten. Die Veranstaltungen sind Teil der Kampagne »Studieren in Fernost«. Ihr Ziel: Studenten aus den überfüllten Hörsälen im Westen in den nicht ausgelasteten Osten zu locken.

Ausgedacht hat sich die Kampagne die Werbeagentur Scholz & Friends. Dort verkündete man nach der Aktion freudig, mehr als 200.000 Internetnutzer hätten sie online verfolgt. Eric Gransow hingegen meint, die Rallye habe kaum Reaktionen hervorgerufen. Als sogenannter Campusspezialist betreut der Politikstudent die SchülerVZ-Seite der Uni Halle und beantwortet dort Fragen zum Studium. Alle ostdeutschen Hochschulen sind mit einem Profil im Schülernetzwerk vertreten und werden über die Internetseite der Kampagne mit möglichen Erstsemestern versorgt – theoretisch jedenfalls. Gransow resümiert: »Bei der Rallye sind ein paar lustige Videos herausgekommen, und wir waren in der Presse, aber dadurch wurden auch nicht mehr Interessenten auf unser Profil geleitet.« Und er stellt eine Frage, die sich kaum einer offen auszusprechen traut: »Lohnt sich der ganze Aufwand?« Auch einige Hochschulvertreter äußern heimlich Kritik. Sie meinen, dass ihre eigenen Internetportale, Werbekampagnen, Tage der offenen Tür und Stände auf Hochschulmessen mehr brächten als die Ideen der Werber aus Berlin.

16 Millionen Euro lässt sich der Staat die Image-Aufbesserung für die ostdeutschen Hochschulen insgesamt kosten. Die Kampagne startete im April 2009 und ist auf fünf Jahre angelegt. Doch wie lässt sich der Erfolg von »Studieren in Fernost« beurteilen? Reichen Klicks auf der Homepage und Erwähnungen in der Presse? »Einschreibezahlen und Umfragewerte«, sagt Christof Biggeleben von Scholz & Friends, »daran werden wir gemessen.«

Klicken Sie auf das Bild für eine höhere Auflösung© ZEIT-Grafik Nun liegen erste Zahlen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt vor – und zeigen, dass der Anteil der Westdeutschen unter den Studienanfängern zum Wintersemester 2010/2011 um fünf bis zehn Prozentpunkte gestiegen ist (siehe Grafik). Aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen gibt es derzeit noch keine aktuellen Zahlen.

Man könne den steigenden Anteil von Westdeutschen an den ostdeutschen Hochschulen als Erfolg von »Studieren in Fernost« interpretieren, sagt Christoph Heine von der HIS (Hochschul-Informations-System GmbH), fügt jedoch einschränkend hinzu: »Der positive Trend hat bereits vor der Kampagne begonnen.« Er führt ihn vor allem auf den »Druck der doppelten Abiturjahrgänge« und die Tatsache zurück, dass im Osten keine Studiengebühren anfallen.

Außerdem helfen die Hochschulen neuerdings mit ausgefallenen Werbeaktionen nach. Die Hochschule Anhalt zum Beispiel ließ kürzlich einen Sonderzug, den »Solarexpress«, von Lübeck zum Campustag nach Köthen fahren, der unterwegs an sieben Stationen technikinteressierte Schüler einsammelte. Die Hochschule Neubrandenburg stattete die örtliche Drachenbootmannschaft für einen Wettkampf bei Hannover mit Hochschul-T-Shirts aus, um auf sich aufmerksam zu machen. Und bei einer Aktion im vergangenen Jahr wurden Erstsemester im Auftrag der Uni Leipzig von ihren Wohnorten im Westen abgeholt und zu ihrem Studienort chauffiert – im Trabi. Mit Marketingideen wie diesen können die Hochschulen Preisgelder aus dem Etat der Kampagne gewinnen.

»Es gibt keine Monokausalitäten«, sagt die Kultusministerin von Sachsen-Anhalt, Birgitta Wolff, deren Ministerium die fünf an der Kampagne beteiligten Kultusministerien koordiniert. Der Zuwachs könne sehr wohl ein Effekt der Kampagne sein. Doch das Entscheidende sei, dass die Hochschulen einen »Riesenanschub« bekommen hätten. »›Studieren in Fernost‹ hat sie eingeladen, über ihre Stärken und Schwächen nachzudenken.« Profilschärfungen und gezielte Investitionen in bestimmte Fächer seien die Folge. »Die Hochschulen sind besser geworden und verkaufen sich auch besser.«

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ein Bayer in Sachsen...

Vielleicht könnte die steigende Zahl an "Westdeutschen" an "Ostdeutschen" Hochschulen daran liegen, dass dort die Lebenshaltungskosten geringer sind. Auch zahlt man Sachsen noch keine Studiengebühren, ist das vielleicht auch ein Grund? Denn diese Werbekampagne ist, meiner Meinung nach, mehr als schräg und zum Teil abschreckend.
Ich selbst studiere in Zittau und bin in Bayern geboren und dort aufgewachsen. Als ich den Werbefilm und Plakate auf der Hochschulseite im Internet gesehen habe, ist mir kurzzeitig etwas schlecht geworden und ich hatte Augenschmerzen. Wer kommt denn auf die Idee, das ein paar quitschbunter Asiaten jemanden bewegen könnten im Osten zu studieren?
Meine Hochschule hätte es besser damit versucht, dass einen hier die Professoren mit Namen kennen. Oder damit dass das Betreuungsverhältnis hervorragend ist. So kam ich in den Genuss in einer Vorlesung mit nur drei weiteren Kommilitonen zu sitzen, das ist ein ganz anderes Lernen als bei einer Massenabfertigung, bei der die meisten Fragen einfach untergehen.
Aber so was kann man leider nicht bunt verpacken...

Keine Studiengebühren?

Zitat: "Er führt ihn vor allem auf den »Druck der doppelten Abiturjahrgänge« und die Tatsache zurück, dass im Osten keine Studiengebühren anfallen."
Das ist aus meiner Sicht etwas verkürzt dargestellt. Laut http://www.bafoeg-aktuell... stimmt dies nur für Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin. In den anderen Bundesländern werden offenbar zumindest Langzeitstudenten zur Kasse gebeten.