NetzdemokratieDie Stunde der Laien

Wie das Internet jeden zu einem "Experten" macht – zum Ärger der Eliten. Ein Essay von Ludwig Hasler anlässlich der neuen Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg von Ludwig Hasler

Eine Unterschriftenliste im Netz für die Wiedereinführung der Eismarke "Nogger Choc"

Eine Unterschriftenliste im Netz für die Wiedereinführung der Eismarke "Nogger Choc"  |  © Screenshot

Das Internet funktioniert wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt: »Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!« Die Profis sind beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz. Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen. Darum, zum Warmlaufen, drei Episoden aus dem neuen digitalen Reich der Amateure:

Episode eins: Die »Nogger Choc Vermisser«. In Kürze waren es 16000. Sie vermissten eine Eissorte, die der Konzern Unilever aus der Kühltruhe genommen hatte. Enttäuschte Kunden schlossen sich beim Netzwerk StudiVZ zusammen, forderten das Eis zurück. Unilever antwortete mit einem pathetischen Video und führte Nogger Choc wieder ein.

Anzeige

Episode zwei: Der ägyptische Blogger Wael Abbas. Ein Jahr in Haft. Vorwurf: Beleidigung des Präsidenten, Angriff auf die Polizei. Heute ist Abbas eine Berühmtheit. Er hatte Videos von Misshandlungen ins Netz gestellt und damit bewiesen, dass in ägyptischen Gefängnissen gefoltert wird. Daraufhin wimmelte es von ähnlich verwackelten Filmen – bis auch »normale« Medien über Folter berichteten.

Episode drei: Detlef Rüsch, Chefkritiker auf Amazon.de. Ein Sozialarbeiter, der einfach gern liest, der Menschen, die wenig von Büchern wissen, »niederschwellige Signale geben will, worauf man bei einem Buch achten soll«. 1447 Kritiken eingerückt. Echo: 12446 User finden seine Rezensionen »hilfreich«.

Drei Episoden, drei Helden der neuen Laiensphäre. Der Laie ist – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als »Idioten« traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete »Albernheit des Laien« sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das »Lob der Torheit« war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks. Die Aufklärer führten im 18. Jahrhundert diese Linie fort, plädierten für Souveränität des Laien, setzten Klugheit über Gelehrsamkeit, erfahrungsgesättigte Gewitztheit über lehrbuchernährte Bildung, sprachen gern von der »Weisheit auf der Gasse«, die nur der findige Laie entdecke.

Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den »Idioten«? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Wann erzielten Menschenrechtler so direkt Wirkung? Welches feuilletonistische Großhirn fand so viele Leser? Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.

Fachleute schlagen schon Alarm. »Seriöse« Bewertungen von politischen Ereignissen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die »Stunde der Stümper« sieht Andrew Keen angebrochen, ein Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wittert er eine »kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt«. 

Eliten leben davon, dass sie etwas wissen oder können, das die Menge nicht weiß und nicht kann – noch besser etwas, das die Menge zum Staunen bringt, etwas Geheimes, Geheimnisumwobenes, Sakrales. Die Abwehr neuer Medientechniken entspringt der Sorge um Ruhe und Ordnung – und der Angst der Elite, die Gesellschaft aus der Kontrolle zu verlieren. Von Moses’ Bildverbot bis zur Neil Postmans Wir amüsieren uns zu Tode und Clifford Stolls Die Wüste Internet: Im Kern aller Kritik am Medienwandel lebt die Klage über den Verlust der Konzentration im unmittelbaren Leben: Ablenkung, Verführung, Verdummung. Doch was sich als Sorge ums Menschliche ausgibt, ist auch die Angst vor Macht- und Kontrollverlust. Von den frühen Priestern bis zu den heutigen Experten: Stets sieht die Elite Privilegien und Einfluss schwinden. Da Wissen Macht bedeutet, verändern neue Medien nicht nur Weltsichten, sie schaffen neue Machtzentren.

Leserkommentare
    • Chali
    • 25. Oktober 2010 13:09 Uhr

    Solche "Fachleute" kenne ich.

    "»Seriöse« Bewertungen von politischen Ereignissen, Büchern .... " findet man überhaupt nur noch im Netz.

    Wenn selbst Schriftsteller - als Vertreter der bürgerlichen Elite - bekennen, dass es ihnen lesen - das Lesen eines Buches - zu schwierig ist, und Fernsehen viel einfacher:
    http://www.zeit.de/2010/4...
    dann ist man - sapere aude - mit dem Netz gut bedient.
    http://www.nachdenkseiten...

    • Chali
    • 25. Oktober 2010 13:12 Uhr

    entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew

    • Chali
    • 25. Oktober 2010 13:18 Uhr

    ... als ein gekaufter "Experte".

    • Chali
    • 25. Oktober 2010 13:21 Uhr

    .... an diesen fernseh-ertüchtigten "Experten"
    http://www.zeit.de/2010/4...

    Da isr mir der der ehrliche Laie
    http://www.nachdenkseiten...
    doch allemal lieber ....

  1. wirklich das Wissen getragen hat, die Übersicht hatte, und diese zum Nutzen aller einsetzte, war das mit der Elite auch gut so.

    Aber heute?

    Gekaufte Experten liefern gekaufte Gutachten. Fettecken sind Kunst. Reinhard Jirgl bekommt den Büchner-Preis für sein wirres Geschreibsel. Dr. Philipp Rösler verteuert die Krankenkassen und versucht, dass als "Gesundheitsreform" zu verkaufen. Eine Kommission von "Sachverständigen" reformierte X Mal die Deutsche Rechtschreibung.

    Auf solche Eliten kann ich - nein, eigentlich jeder - gerne verzichten. Sollen die doch bitte in ihren Elfenbeintürmen bleiben, aber bitte die Menschen in Ruhe lassen.

    Da ist mir die Intelligenz der Masse lieber, denn die ist noch in der Realität verwurzelt und steht mit genug Beinen auf der Erde - selbst wenn der eine oder andere dabei abgehoben sein sollte.

  2. Die Internetnutzer sind heute die Elite. Vor ihr Forum haben die etablierten Medien - ja, auch die Zeit - demütig, gesenkten Hauptes hinzutreten und ihr Urteil zu empfangen.

  3. Wenn jemand Nogger Choc vermisst und es durch glückliche Umstände schafft, darauf aufmerksam zu machen, dann ist er ein Experte. Experte darin zu wissen, welche Eissorte er mag. Der studierte Marketing-Mensch beneidet den Verbraucher um das Wissen, dass der Verbraucher weiß was er möchte.

    Wenn jemand im Knast sitzt und Folter miterlebt, dann ist er Experte. "Experten", die irgendwo in einem klimatisierten Büro sitzen und die Regeln für Strafvollzug aufstellen oder Personal rekrutieren, haben nicht die geringste Ahnung von solchen Dingen.

    Wenn jemand gerne Bücher liest, dann kann er sehr wohl ein Experte darin sein, Bücher beurteilen zu können. Der "Experte" kann das nicht, weil er immer im Hinterkopf behalten muss: "Wie gefällt das meinem Chef?", "Wie gefällt das meinen Lesern?", "Kann ich das so schreiben, ist das nicht etwas gewagt?".

    Ich persönlich erlebe solche Dinge auch immer wieder. Vor 4 Jahren habe ich noch meinem Chef gesagt, wie ich die Zukunft in 5-10 Jahren sehe und in welche Richtung man mit der Firma gehen könnte. Das hat er ignoriert und seine eigenen Vorstellungen umgesetzt, die ich für völlig schwachsinnig hielt. Damit hatte er keinen Erfolg. Heute versucht er genau das zu machen, was ich ihm vor 4 Jahren sagte, weil die anderen das auch machen. - Ich versuche alles mit den Augen eines Verbrauchers zu sehen, und er mit den Augen eines "Experten".

    • Banuta
    • 25. Oktober 2010 14:59 Uhr
    8. Nunja

    Geht man nach kumulierter Wissensmenge kann es keine Elite geben, denn niemand kann alles beherrschen. Würde man also an dieser Stelle unterstellen, dass nur derjenige zur Elite gehört, der formal auf einem akademischen Gebiet gebildet ist, stellt sich mir folgende Frage: was tun wir ohne die vielen anderen Disziplinen? Ohne den Bäcker, Metzger, Bauern und die vielen Handwerker würden wir verhungern.

    Ich messe daher niemanden daran welche formale Bildung er mir entgegen bringen kann, sondern vielmehr daran, welche Kompetenz er beweist. Ich habe schon Professoren erlebt die nichts von ihrem Fach verstanden und Laien mit einem unglaublichen Verständnis für Themen, die ihnen formal nicht gelegen haben.

    Tatsächlich wird man hier und dort fähige und unfähige Menschen finden. Der einzige Ausweg hierzu ist es, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die gefährliche Seite dieser Philosophie liegt natürlich darin, dass man eine genaue Vorstellung entwickelt und davon nicht mehr abweichen kann. Darum muss man jederzeit zur Änderung bereit sein und sich auch von beweisbaren Fakten leiten lassen.

    Dann ist es letztendlich egal ob mir der Physiklaie beweist, dass ich mich irre oder der Professor.

    Auch wenn ich die Schwarmintelligenz im Internet kritisch und mit gewissem Abstand betrachte, halte ich sie für eine gute Sache.

    Letztendlich ist der Begriff "Elite" aus meiner Sicht lediglich ein Versuch, sich selbst formal besser zu stellen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service