Gustave Courbet Was für eine Pfeife, dieser Maler!

In seiner Kunst begegnen wir uns selbst. Das macht Gustave Courbet zu einem der wichtigsten Maler der Moderne. Und seine Ausstellung in Frankfurt zur aufregendsten dieses Herbstes

Springt er nun oder springt er nicht? Noch kauert Gustave Courbet am Rand des Abgrunds, noch reißt er sich zurück, so gut es eben geht. Doch groß ist die Versuchung, einfach Schluss zu machen mit allem. Schon flattert sein Mantel, schon streckt sich das Bein, schon weist der Arm des Malers weit voraus in die unheimliche Tiefe.

Oder reicht uns Courbet nur die Hand, damit wir ihn sicher hinüberziehen, über alle Abgründe seiner Kunst hinweg?

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Nie weiß man so richtig, woran man ist bei diesem Künstler. Wie kein anderer versteht er sich auf eine Kunst, die mal hierhin und mal dorthin kippt. Eben noch schien sein Bild die Verzweiflungstat eines Todessüchtigen zu zeigen, im nächsten Moment erweist es sich als keckes Spiel mit dem Betrachter. Und für den, der noch ein wenig länger hinsieht, verwandelt sich Courbets Selbstbildnis am Abgrund in eine hintergründige Reflexion über die Lust und das Leid, ein moderner Maler zu sein.

Es ist ja kein gähnender, sondern ein brodelnder Abgrund, der sich unter dem Künstler auftut. Hier eine wilde Schliere Weiß, dort ein dumpfer Flecken Braun, dazu helles und dunkles Grün, das seltsam willenlos in der Gegend herumfliegt und halb schon Courbets Hosenbein befleckt. Was soll dieses verspachtelte Farbgemansche bitte schön bedeuten?

Manche Kunsthistoriker meinen, Courbet habe das Bild einfach nicht vollendet. Dabei hätte er alle Zeit und Gelegenheit gehabt, weiter daran zu arbeiten, er tat es nur nicht. Denn viel zu aufregend erschien ihm wohl die Metapher, die in diesem Bild so düster lauert: Es zeigt einen Maler, den es hineinzieht in ein Reich, in dem sich alles Regelhafte verflüchtigt, sich alle Klarheiten auflösen und selbst die Farbe nichts mehr meinen und bedeuten will, sondern lieber ein aufgewühltes Eigenleben führt. Es ist das abgründige Reich der Künstlerfreiheit, das sich dort auftut, sehr verlockend, sehr bedrohlich.

Immer wieder hat sich Gustave Courbet (1819 bis 1877) in diesem Reich umgetan, mal spielte er mit der Freiheit, nicht selten spielte die Freiheit auch mit ihm. Und nicht zuletzt deshalb fühlen wir, die Betrachter, uns so wunderbar frei vor seinen Bildern, sie mal so und mal ganz anders zu verstehen. Courbet streckt uns tatsächlich die Hand entgegen, er zieht uns hinein in seine Welt der Vieldeutigkeit.

Nirgends lässt sich diese Welt derzeit besser erkunden als in Frankfurt. Dort hat der Kunsthistoriker Klaus Herding in fünfjähriger Vorbereitung fast hundert Gemälde und Zeichnungen zu einer Ausstellung zusammengetragen , und er präsentiert sie in einer Offenheit, die so wohl noch nie zu sehen war. Meist wurde Courbet als der große Aufklärer gefeiert, als der wichtigste politische Maler des 19. Jahrhunderts, der mit dem Pinsel für die Sache von Freiheit und Gleichheit ficht. Er sei, so hatte er sich selbst gepriesen, »nicht nur Sozialist, sondern auch Demokrat und Republikaner, mit einem Wort, Anhänger der ganzen Revolution«. In der Folge sahen viele Kunsthistoriker ihre vornehmste Aufgabe darin, all dies Sozialistische, Demokratische, Revolutionäre auch in seinen Bildern nachzuweisen. Klaus Herding gehörte selbst zu diesen politisch bewegten Kunsthistorikern, damals in den siebziger Jahren. Heute korrigiert er sein Bild von den Bildern Courbets. 

Eindringlich zeigt seine Ausstellung, dass es diesem Maler nie darum ging, mit Bildern von Steineklopfern, Bauern und fahrendem Volk die große Revolution zu befördern. Wenn er überhaupt ein rebellischer Realist war, wie oft behauptet wurde, dann, weil er die stumpfe Schulmalerei der Akademien aufbrach und nicht müde wurde, mit seiner Kippkunst die ebenso kippelige Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts, die Auflösung so vieler Gewissheiten einzufangen.

Leser-Kommentare
    • Varech
    • 24.10.2010 um 9:24 Uhr

    ... schreiben Sie an einer Stelle.
    Der Mann ist seit 1877 tot, und nichts ist mehr offenkundig ausser, offenkundig Ihre persönlichen Eindrücke beim Betrachten seiner Bilder, für andere nur mehr oder weniger nachzufühlen.

    Eine Leser-Empfehlung
  1. Was für ein respektloser Umgang mit der Kunst anderer!
    Der Abgrund ist in dem Bild nicht sichtbar, sondern liegt außerhalb vor dem Dargestellten. Wenn es um eine Handreichung geht, so bestimmt nicht um eine Handreichung zu dem Betrachter, sondern wenn dann nach unten vor der Person liegend. Der Blick nach vorne, rechts an dem Betrachter vorbei und hoch, bringt eine dritte Dimension ins Spiel, bei der der Betrachter zwar nicht ausgeklammert aber auch nicht beachtet erscheint, was wegen der Gleichzeitigkeit die Zeit als vierte Dimension mit ins Spiel bringt. Die Augen erscheinen gerade in Verbindung mit linkem Arm und linker Hand sehr aufschlussreich, da zumindest Erkenntnis und Entsetzen ja sogar Hilflosigkeit deutlich zu werden scheinen. Diese Hilflosigkeit kann dieses Wechselspiel zwischen Kunst und Wirklichkeit sein, das den stetigen Widerstreit der Entfremdung des Menschen von der Natur meint oder eben die spezielle Zuspitzung des Inneren des Malers angesichts des Äußeren meinen.
    jedenfalls würde ich nicht mit Farbgepansche argumentieren, denn die comicartige Vereinfachung des Themas ist der Zeit voraus, wobei sie so differenziert bleibt, dass sie nicht zu reiner Hülle verkommt. Exemplarisch zeigt sich die Vereinfachung an dem erwähnten Bein, denn der sogenannte Fleck erscheint mir nichts weiter zu sein als eine Lichtreflexion oder nennen wir es vereinfacht Sonnenfleck.

  2. Auch die Blickrichtung kann mehrfach gedeutet werden, beispielsweise weil der Blick an dem Betrachter vorbei geht und somit das Geschehen in dessen Rücken thematisiert, aber durch die Hand, die sich nach unten neigt auch die Realitätsebene vor ihm. Der Blick auf die Kunst selbst wird thematisiert. Während Caspar David Friedrich noch mit der Rückenfigur arbeitete, die auf die Bildwelt hinweist, erscheint Courbet hiermit eine krasse Umkehrung zu erzeugen, beispielsweise zu den Betrachtern von Kunst, wodurch vermutlich sogar schon eine Kritik am Kunstmarkt erkennbar wird, wobei die Interpretation auch dahin laufen könnte, dass der Künstler gerne jemand zu sich hoch ziehen würde, aber es gar nicht vermag angesichts dessen was er in der vermeintlichen Realität zu sehen glaubt. Die Frage scheint also zu sein, in wie weit der Künstler die Bildwelt nutzt, um über sie hinaus verweisend eine Botschaft an den Betrachter zu senden, die die Bildwelt an sich in Frage stellt. Beziehungsweise stellt sich (mir) die Frage, ob die Botschaft ist, dass die Kunst zwar stärker als bislang gedacht mit dem Betrachter kommunizieren kann und dies über die Bildrealität hinaus oder ob diese Botschaft eben der Abgrund des menschlichen Seins angesichts seiner eigenen Entfremdung selbst ist, die beispielsweise dann offenbar wird, wenn sich der Dargestellte oder auch der Betrachter selbst der Realität zuwendet, die außerhalb von Bildwelten liegt oder eben beides und vielleicht noch mehr.

  3. 5. Zudem

    So wird das Bild auch zum Gegensatz eines Historienbildes, das immer auch Hintergrundwissen benötigt. Es ist ein Klassiker des Subjektivismus und Surrogat aller in Historienbildern verarbeiteten Subjektivismen.

    • hagego
    • 03.11.2010 um 0:47 Uhr

    Nein, Gustave Courbets Bildern sieht man es nicht an, dass dieser Maler in nicht mal mehr einer Dekade vor 200 Jahren geboren wurde.

    Begegnet uns hier wieder das Phänomen, dass jemand, der vielfältig denken und künstlerisch tätig sein konnte, schliesslich doch nur von wenigen Kunstkennern die Anerkennung erfuhr, die er durch sein breites OEuvre eigentlich generell verdient hätte?

    War Courbet sowohl mit dem Mund als auch mit dem Pinsel zu laut, gar zu vorlaut, sprich: revolutionär? Oder können Kritiker und Publikum einfach keinen "roten Faden" im Gesamtwerk Courbets erkennen, weil seine Portraits seinen Landschaften und diese seinen Meeresbildern quasi im Wege stehen?

    Picasso war ein geradezu genialischer Maler, wenn es darum ging, neue Wege zu beschreiten und neue Stil- und Ausdrucks-Möglichkeiten zu suchen. Courbet aber könnte - unbewusst - einer der "Gründerväter" der modernen Malerei sein, die durch den Impressionismus in den 60er bis 80er Jahren des 19. Jahrhunderts einen ersten großen Durchbruch erfuhr. Zuerst nur in Frankreich selbst, später überall in Europa.

    Einige Werke erinnern sogar ein wenig an Francis Bacon oder an den Frankfurter Maler Johannes Grützke. Diese beiden Künstler haben stets versucht, die Bewegung, also das Anti-Statische, in ihren Gemälden einzufangen. Und das, so scheint mir, war auch ein Hauptanliegen Gustave Courbets. Nicht das Akkurate, sondern das Lebendige wollte er erfassen. Es scheint, als sei ihm dies auf nachhaltige Weise gelungen.

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