Als alle Reden gehalten und von der Feier nur eine Handvoll Männer an einem Stehtisch übrig geblieben sind, wendet sich Gerhard Schröder der nächsten Flasche Rotwein und den wirklich wichtigen Dingen zu.

Es ist Nachmittag geworden in einem Bürohaus im Zentrum von Frankfurt am Main. Schröder steht in einem kleinen Flur im dritten Stock, durch Glastrennwände kann man in ein paar Bürowaben gucken, die Regale darin sind noch nicht eingeräumt. Sein Glanz soll an diesem Tag auf einen Freund abstrahlen, der den zweiten Versuch unternimmt, ein Leben nach seiner großen Zeit zu beginnen. Seit einer halben Stunde diskutiert Schröder mit zwei Männern, über Griechenlands drohende Pleite, die Finanzkrise und den Fehlstart von Merkels Regierung. Das heißt, die Männer haben Fragen gestellt, Schröder hat ausführliche Antworten gegeben und dabei souverän gewirkt, wie man es von einem Altbundeskanzler erwarten darf. Aber dann kommt der Gastgeber zurück an den Tisch, einen frisch entkorkten Gaja in der Hand, vorzügliches Aroma. Schröder schnalzt mit der Zunge.

Neben Schröder steht sein früherer Arbeitsminister, der ein sehr vergnügtes Gesicht macht und sein Glas erhebt. Und der einflussreichste Politikberater der vergangenen Jahrzehnte kichert und sagt, er habe da noch ein anderes Fläschchen, das er sehr empfehlen könne.

Gerhard Schröder, Walter Riester und Bert Rürup, der Gastgeber, feixend an einem Stehtisch aus Blech. Diese drei und noch ein paar andere Männer haben einmal Deutschland regiert, sie haben eine Reform vorbereitet, geplant und durchgesetzt, die das Land gespalten hat wie kaum eine andere nach dem Zweiten Weltkrieg: die Agenda 2010.

Agenda 2010, das stand damals für Weitblick, für Zukunft. Inzwischen ist 2010 die Gegenwart, Schröder und seine Reformer sind Vergangenheit. Fast jeder Deutsche kennt heute den Namen ihrer wichtigsten Maßnahme, Hartz IV. Aber es kommt einem so vor, als seien diese Männer nicht erst 2005 abgewählt worden, sondern vor sehr, sehr langer Zeit.

Es ist viel passiert seither. Eine Krise hat die Welt durchgeschüttelt, Banken und ganze Staaten mussten mit Hunderten Milliarden Euro gerettet werden. In Deutschland regieren inzwischen Merkel und Westerwelle. Und die meisten Männer der Agenda 2010 sind im Rentenalter. Ihr Vermächtnis sind ihre Reformen.

Adenauer hatte die Westintegration, Brandt die Ostverträge, Schmidt das Krisenmanagement, Kohl die deutsche Einheit.

Als Schröder im Herbst 2002 seine zweite Amtszeit beginnt, ist er noch auf der Suche. Er hat vier vermurkste Jahre hinter sich, Oderflut und Irakkrieg haben ihn gerade noch so vor der Abwahl bewahrt. Er ist der erste Kanzler der Berliner Republik. Von seinem Amtszimmer aus hat er zugesehen, wie der Potsdamer Platz in den Himmel wuchs. Er braucht jetzt dringend etwas, das von ihm bleibt. Ein Thema seiner Kanzlerschaft.

Nach zwei Jahren Stagnation in der Wirtschaft ist die Lage desolat, die Börsenblase ist geplatzt. Deutschland wurde als erstes EU-Land ermahnt, nicht gegen die Schuldengrenze der Maastricht-Verträge zu verstoßen. Man hat nicht viele Chancen zu einer Reform, vielleicht nur eine.

Am 14. März 2003 steht Schröder in Berlin unter der Reichstagskuppel und stellt vor, was er zu tun gedenkt: »Leistungen des Staates kürzen«, »mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern«. Schröder spricht, als arbeite er einen Katalog ab. In seinem Katalog stehen die Stichwörter Konjunktur und Haushalt, Arbeit und Wirtschaft, soziale Absicherung im Alter und bei Krankheit. Die Agenda 2010, Schröder sagt »zwanzichzehn«, das sind gesenkte Lohnnebenkosten, liberalisierte Zeitarbeit, Minijobs, Privatrente. Das sind zehn Euro Praxisgebühr und das Herzstück der Reform: Hartz IV, die Verschmelzung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf dem niedrigen Niveau der Sozialhilfe.

Die Grünen haben alles mitgetragen. Doch genau genommen war die Agenda die Sache einer Riege von Männern in der SPD, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden und in der Wirtschaftswunderzeit der Adenauer-Ära aufgewachsen sind, Männern, die die Aufstiegsmöglichkeiten der sechziger und siebziger Jahre genutzt und sich nach ganz oben gearbeitet haben. Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Walter Riester, Wolfgang Clement, Hans Eichel, die Berater Bert Rürup und Peter Hartz und ein paar Vertraute Schröders, die im Hintergrund mitgedacht haben, vor allem sein Kanzleramtschef: Frank-Walter Steinmeier, die nächste Generation.

Aber der wahrscheinlich schwierigste Teil lag damals noch vor diesen Männern: das Ende ihres ersten Lebens. Was passiert, wenn man eben noch die Welt retten musste, und von einem Tag auf den anderen ist alles vorbei? Die Macht, die Privilegien, das Büro, der Fahrer, die Einladungen in Fernsehtalkshows. Was bleibt, sind der Name, die Erfahrungen und Zeit. Es kommt darauf an, was man daraus macht. 

Von Schröder weiß man es, er ist ja nie richtig verschwunden. Er war kaum aus dem Amt, da wurde er zum bezahlten Lobbyisten für eine Gaspipeline, für die er sich als Kanzler eingesetzt hatte. Es verstieß gegen kein Gesetz, aber es hatte einen schlechten Beigeschmack.