Der Ausblick auf die kroatische Stadt Dubrovnik © Mladen Antonov/AFP/Getty Images

Jacht – das ist eins dieser anregenden Wörter, bei denen im Kopf gleich die Assoziationen schaukeln. Segeljacht. Mittelmeerjacht. Luxusjacht, Charterjacht. Angeberjacht… Es sei denn, man besitzt selbst eine Jacht, dann assoziiert man nicht mehr träumerisch herum, vermute ich, dann denkt man an den nächsten Außenanstrich oder die Liegegebühr im Hafen. Es sei denn, man ist Millionär, Milliardär, Abramolusconi oder so, dann denkt man – ach, ist ja auch egal.

Ich bin gerade in Dubrovnik angekommen mit meinem kleinen Rucksäckchen, auf das der Fahrradhelm geschnallt ist, ein Taxi bringt mich zum Hafen. Der Flughafen liegt 20 Kilometer südlich der Stadt, weitere 20 Kilometer südlich verläuft schon die Grenze zwischen Kroatien und Montenegro. Das landschaftliche Layout: immergrüne Küstenberge, im Westen endlos glitzerndes Meerblau, eine zweispurige, zum Meer hinunter und wieder hinauf sich windende Panoramastraße. Ich frage: Sind hier auch Radfahrer unterwegs? Ja, im Sommer einige, sagt der Taxifahrer. Deutsche, Holländer, mit Taschen vorn und hinten, die fahren bis Griechenland.

Es ist ein Sonntagmittag im späten September. Im Hafen von Dubrovnik sticht die Sonne, aber draußen über der Adria wachsen bedrohliche Wolkentürme heran. Der Hafen zieht sich lang und gerade nach Norden, parallel zur Uferstraße, von der niedrige weiße oder rosafarbene Häuser zwischen Zypressen die Hügel hinaufsteigen. Am fernen Ende hocken wie schwimmende Wohnblocks drei Kreuzfahrtschiffe, so riesenhaft, als könnten sie die kleinen bewaldeten Inseln vor dem Hafen einfach wegschieben, wenn sie losfahren. 2000 bis 3000 Passagiere passen in jeden dieser weißen Technikwale. Ich suche was Kleineres.

Die Jacht San Snova soll gleich auslaufen zu einer Kreuzfahrt zwischen den Inseln von Südkroatien, ein Holzschiff, dreißig Meter lang, zwei Masten, elf Kabinen. Wir werden 14 Gäste sein, werden essen, schlafen auf der Jacht, auf den Inseln Radtouren machen. Der Veranstalter ist Spezialist für »Inselhüpfen«, kombiniert mit Radfahren. 14 Leute. Wie wird das werden? 14 Unbekannte, und dann immer auf engem Raum zusammen. Ich habe, weil der Reiseprospekt dazu ausdrücklich ermunterte, aber auch als gruppendynamischen Notanker und Schutzschild meine kleine Reisegitarre mitgenommen.

Zwischen vielen anderen Zweimastern erkenne ich die San Snova an den Fahrrädern auf Deck. An Bord hängen ein paar Leute in tiefen Lehnstühlen herum. Hallo, Tach, Hi. Reiseleiterin Petra zeigt mir meine Kabine auf dem Oberdeck, zu dem eine steile Außentreppe führt. Sie ist Kroatin und spricht ihren Namen wie »Pättrra« aus. Sie ist jung und klein und stämmig und laut und ungekünstelt und hat blitzende Augen und ein Nussknackerinnenkinn und eine asymmetrische Punkfrisur. Alles ist mir auf Anhieb sympathisch. Die Kabine ist aus hellem Holz, nicht klein, nicht groß, zwei Bullaugen und ein Türfenster lassen den Blick hinaus aufs Meer.

Kaum eine Stunde später kriecht in mein Hirn, unerwartet, vom Magen her, ein unangenehmes Wort, noch mit Fragezeichen: seekrank? Seit der Abfahrt aus dem Hafen laufe ich auf dem obersten, dem rundum offenen Sonnendeck herum. Das Schiff rauscht unter scheinheiliger Sonne schwankend nach Norden, getrieben vom Motor und einem heftigen Südwind. Rechts ist die Küste nah, linker Hand schäumt das offene Meer. Wird dir, Alter, etwa gleich schlecht? Bloß nicht, du kannst doch jetzt nicht in diese Jacht-Poster-Idylle reihern!

Auf den reinweißen Planken des Sonnendecks liegen himmelblaue Matten, darauf Menschen in leichter Kleidung. Seewind in den Haaren. Salz auf der Haut. Urlaub im Sinn. Wendy, die zierliche, blasse Australierin, liegt auf dem Bauch und liest. Jan, der lange Jung’ aus San Francisco, ruht auf dem Rücken und schaut auf sein iPhone. Simone, aus Mainz, und Silvin, aus Zürich, sitzen am Mast und halten Weißweingläser fest. Simone ist weizenblond und hat die Figur einer Sportlerin, Silvin trägt eine schirmlose schwarze Kappe und an der Unterlippe einen winzigen Bartfleck nach Musikerart, ein »Soulpatch«, weiß, in seinem Fall. Mich beunruhigt mein Magen. Spüren die anderen denn gar nichts? Ich will jetzt in die Nähe meines Badezimmers.

Beim Abendessen sitze ich mit Wendy und Monique am Tisch, Monique aus Ottawa, die ebenfalls allein unterwegs ist. Beide Frauen, erfahre ich, haben Tabletten gegen Seekrankheit schon prophylaktisch eingenommen, of course, didn’t you? Nein, aber das Geschaukel hat zum Glück im Windschatten hinter den Inseln bald wieder nachgelassen. Es gibt zwei Vorspeisen, es gibt Dorade mit Mangold, es gibt je drei Sorten kroatischen Weißen und Roten.

Beim Nachtisch steht Drazen auf, der zweite Reiseleiter. »Draschen«, mit stimmhaftem sch, hat ein weiches Gesicht und dichte kurze Maulwurfshaare. Er läutet eine Glocke und wartet auf Ruhe wie ein Lehrer, ein netter, junger, der seine quasselnde Klasse mit nachsichtiger Autorität diszipliniert. Trocken teilt er mit, dass sich der Reiseplan geändert habe. Dass wir damit auch künftig jeden Tag rechnen müssten. Weil das Wetter den Ton auf dem Törn angebe, die Winde und Wellen der Adria, der Yugo und die Bora, nasser Südwestwind vom Meer, kalter Nordostwind vom Land her.