Zweiundvierzig Pfeile haben das gefesselte Cello durchbohrt. Abgeschossen, ehe irgendein Konzertton erklang, und doch mitten ins Herz der Musik. Auch so kann man sich der Gattung Streichquartett nähern: Der Klangkünstler Georg Nussbaumer traktiert die Geigen, Bratschen, Celli in seiner Installation mit Pfeilen, Geweihen und Vibratoren, während eine junge Frau ihre Haare zärtlich um die Saiten einer Geige flicht. Und noch im Cellomord macht er deutlich, wie lieb uns diese Instrumente sind. Die Streichquartettkunst boomt, noch nie erlebte sie so viele Uraufführungen auf einmal wie jetzt bei den Donaueschinger Musiktagen, es waren zehn von zwanzig insgesamt. Ein historischer Rekord. Jahrzehntelang zählte diese Gattung zum Weihbezirk des Musikbürgertums, da mochten Pioniere wie John Cage, Luigi Nono oder Helmut Lachenmann noch so entschieden gegen die Aura der Klassizität ankomponieren. Jetzt ist die Weihe weg, und Donaueschingen, das immer auch gesellschaftskritische Gipfeltreffen der Neuen Musik, riskiert ein Quartett-Festival.

Das wäre noch 1973 undenkbar gewesen, als der Geiger Irvine Arditti ein Quartett nur für die neue Musik gründete. Tausend Partituren umfasst sein Repertoire, das im Programmbuch vier Seiten füllt. Denn Armin Köhler, Leiter der Musiktage, hat in deren Zentrum eine "QuArdittiade" gestellt. Das legendäre britische Ensemble, rund um seinen Primarius verjüngt, spielte fünf neue Werke.

Gleich am Anfang spürte man da das Megatonnengewicht der Tradition. Bernhard Lang hat sich dem Quartett-Erfinder Haydn gestellt und dessen Sieben Letzte Worte, eine so liturgische wie "absolute" Musik, durch den Rechner geschickt, hat gesampelt, getriggert, granuliert und für vier Streicher komponiert. Eine Stunde aus zehn Stücken, in der man erlebt, wie aus Flächen von Akzenten und Schraffuren etwas Räumliches wird, gleichsam eine Hülle, die zerreißt, während in der Mitte Haydn unhörbar wächst wie ein Schwarzes Loch. Eisig, mit einer Gravitation, die von den Saitenklängen Fleisch und Farben reißt, aus Langs Überschreibungen Skelette macht, die ins Nichts bröckeln. Akribisch realisieren die Ardittis diese fast selbstzerstörische Auseinandersetzung mit der Klassik.

Die Anatomy of Desaster des 53-Jährigen bewegt sich weit über den trotzigen Versuchen, mit denen ein paar jüngere Komponisten gegen vermeintliche Gattungskonventionen angehen. Natürlich ist es ein paar Minuten lang saukomisch, wenn die vier Amerikaner vom JACK Quartet nach den Anweisungen von Peter Ablinger so tun, als probten sie ein Stück Avantgarde. Da zischen fiepend die Geigen in den Diskant, und der Primarius verlangt es "more naturally". Aber der Spaß bedient auch ziemlich spießig das alte Schreckbild misstönender Moderne. Alan Hilario von den Philippinen kommt 40 Jahre zu spät mit einer Fluxusaktion, in der die Jacks häufiger zu Hammer und Säge greifen als zum Instrument, und Aaron Cassidy (USA) entdeckt die Freiheit der Kratzgeräusche auf Lachenmanns Spuren mit umgekehrtem Ergebnis: Was einst Aufbruch war, erstarrt zur neorevolutionären Attitüde.

Die Ardittis, das JACK Quartet und das französische Quatuor Diotima spielten im Konzertsaal, einer Schule und einer Kirche je dreimal ihr Programm und alle hatten sie das Sechste Quartett des 1950 geborenen Schotten James Dillon auf den Pulten. Es war wohl das erste Mal, dass man ein nagelneues Werk sofort in mehreren Interpretationen vergleichen konnte. Wer es mit den JACKs hörte, erlebte ein zwischen klassischen Dialogformen und modernen Klangvokabeln sperrig verspanntes Stück, während die Franzosen es schnell, brillant, durchsichtig nahmen wie einen Finalsatz von Haydn, es sich aber auch vom Leibe hielten. Dagegen hatten die Ardittis diese Musik verinnerlicht, sie in ihre Körper wandern lassen, jetzt kamen Welt und Sinnlichkeit hinein, ein Hauch von den Zigarillos, die Irvine Arditti bis kurz vorm Auftritt schmaucht.

Aromen von Rost und Diesel, wie über eine Reling wehend, konnte man im leisen Gespinst der Tremoli und Glissandi des Anfangs wahrnehmen. Gemeinsame Crescendi und Decrescendi waren schwere, knirschende Wellen und lösten sich, immer mehr gegeneinander verschoben, ins Abstrakte auf. Bei den Ardittis zeigte sich selbst Brian Ferneyhough, der Meister der Komplexität, in seinem Sechsten Quartett überraschend geerdet und kommunikativ, bis hin zu einem wahnwitzigen Violinsolo, das wie ein Porträt seines Interpreten Irvine Arditti wirkt. Während Ferneyhough und Dillon in ihren Werken immer auch ihren Standort und ihre Vorgänger in der Musikgeschichte reflektieren, erfindet und verbindet der 58-jährige Franzose Philippe Manoury atemberaubende Klangeffekte mit einer Selbstverständlichkeit und Sinnlichkeit, dass man seinem Stringendo so hingegeben lauscht wie einem Stück von Brahms.