Familie Pourkashani hatte gerade zu Abend gegessen, ein persisches Reisgericht, da brachte die Tochter Gelareh die Sache mit StudiVZ auf. "An meiner Uni sind alle da angemeldet", sagte sie, damals 24 Jahre alt, Lehramtsstudentin an der Humboldt-Universität: "Nur ich nicht. Ich bekomme gar nicht mehr mit, wenn die anderen sich verabreden." Sie sei eine Außenseiterin geworden, bei den Referaten und bei den Partys. Sie müsse sich nun auch anmelden.

"Bist du wahnsinnig?", fuhr ihr Vater sie an. "Willst du dein Leben transparent machen für die ganze Welt?" Gelarehs Eltern hatten im Fernsehen gesehen, dass Personalchefs Soziale Netzwerke nach Partyfotos von Bewerbern durchstöbern, sie warnten ihre Tochter, sie setze ihre Karriere aufs Spiel. "Ich stehe unter Gruppenzwang!", entgegnete ihre Tochter. Eine Stunde lang redeten sie hin und her, schließlich versprach Gelareh, so wenig Informationen wie möglich von sich preiszugeben. "Na gut", grummelte ihr Vater, "dann nimm aber bitte ein dezentes Foto."

Das war im April 2007, also in einer anderen Epoche. Die Deutschen kannten damals weder Facebook noch Xing, die Worte "Datenkrake" und "Identitätsdiebstahl" spielten noch keine Rolle in den politischen Debatten. Heute hat selbst Angela Merkel ein Profil bei Facebook, auf RTL2 läuft eine Serie , die vorführt, wie Pädophile Onlinenetzwerke nutzen, um sich an Kinder heranzumachen. Und die Kinos zeigen einen Film über Mark Zuckerberg , den Gründer von Facebook.

Als 19-jähriger Student hat Zuckerberg in Harvard das Soziale Netzwerk The Facebook gegründet. Heute ist er 26, mehrfacher Milliardär, Facebook zählt 500 Millionen Nutzer auf der ganzen Welt. Und wie Menschen miteinander umgehen, hat sich fundamental verändert. Man führt sein Leben – und dokumentiert es gleichzeitig im Netz, abrufbar für beinahe jeden, vermutlich für immer. Facebook macht die einen zu Exhibitionisten und die anderen zu Voyeuren. Auch das macht den Sog von Facebook aus. Das Private ist öffentlich geworden. Es ist ein epochaler Wandel.

Die Familie Pourkashani ist nur ein winziges Partikel in diesem globalen Kosmos. Mindestens zwölf Millionen Deutsche nutzen die Seite nach Angaben des Unternehmens aktiv. Und wie wohl die meisten von ihnen sind die Pourkashanis hin- und hergerissen zwischen den Vorzügen und den Nachteilen des Netzwerkes. Sie machen sich Sorgen um ihre Privatsphäre, aber sie wollen den Anschluss nicht verlieren an die digitale Gesellschaft. Sie wissen nicht, was bei Facebook mit ihren Daten geschieht, doch auf die Vorteile wollen sie auch nicht verzichten. Sie stecken mitten drin im Facebook-Dilemma.

Die Gesellschaft hat sich verändert, und die Familie Pourkashani mit ihr. Die Mutter ist als Einzige bei ihrer strikten Ablehnung geblieben. Sie hat keine E-Mail-Adresse und erst recht kein Onlineprofil bei einem Sozialen Netzwerk. Gelareh, die Tochter, hat sich so sehr an StudiVZ gewöhnt, dass sie sogar ihre Verlobung dort bekannt gegeben hat – per Status-Update. Gelarehs Brüder tummeln sich bei Facebook. Und der strenge Vater, der seine Tochter so eindringlich warnte vor zu viel Transparenz? Ist längst selbst zum Netzwerker geworden.

"Facebook ist wie das Handy", sagt Asghar Pourkashani, der Vater, heute, "man muss es einfach haben." An seinen Fingern glitzern vier Ringe, seine Jacke ist aus schwarzem Leder. Der 62-Jährige ist Sozialarbeiter in Berlin, er organisiert Hip-Hop-Workshops für Jugendliche, sie duzen ihn. Doch vor einem Jahr verlor er den Kontakt zu ihnen: Wenn er ihnen E-Mails schickte, kam keine Antwort. Eines Abends, nach dem Hip-Hop-Training, fragte Asghar einen der Tänzer. "E-Mail, ach so...", sagte der, "schick mir doch einfach eine Facebook-Nachricht." 

Facebook? Asghar Pourkashani hatte davon gelesen. In seinem Heimatland Iran waren vergangenen Sommer viele Demonstrationen gegen die manipulierte Wahl von Präsident Ahmadineschad über die Plattform organisiert worden. Oppositionelle tauschten hier ihre Nachrichten. Facebook, so schien es für einen Moment, könnte ein Instrument der Unterdrückten sein, ein Werkzeug der Demokratie. Bis Gerüchte zu kursieren begannen, das iranische Regime unterwandere die Seite, um seine Kritiker zu verfolgen. Auch so ein Facebook-Dilemma. Und nun sollte Asghar Pourkashani dieses politische Kampfmittel nutzen, um Hip-Hop-Workshops zu organisieren?

Immerhin, er wurde neugierig. Zu Hause meldete er sich an und legte sorgfältig ein "Profil" aus. Beziehungsstatus: verheiratet, Geburtstag: 18. März 1948, Geburtsort: Teheran, Iran. Er sah, dass die Seite ihm viele Facebook-Mitglieder vorstellte, die er bereits kannte, junge Tänzer aus Berlin. Die Welt der Jugendlichen stand ihm offen, und sie war nur ein paar Klicks entfernt. Asghar Pourkashani dachte nicht mehr daran, dass er seiner Tochter nur zwei Jahre zuvor StudiVZ ausreden wollte. Er war nun Mitglied der größten Community der Welt. Und fühlte sich gut dabei.

Seither surft Asghar Pourkashani täglich bis zu zwei Stunden auf Facebook; er nennt es seine "Wunderwaffe für die Jugendarbeit". Er hat mittlerweile 341 "Freunde", so heißen bei Facebook die digitalen Bekannten. 338 dieser "Freunde" sind zwischen 18 und 35 Jahre, vier sind in Asghars Alter. Die Jungen seien seine beruflichen Kontakte, sagt er, die Alten seine echten Freunde. Er kennt sie seit seiner Kindheit in Iran, er hat sie Jahrzehnte später im Internet wiedergefunden. Manchmal schicken sie sich persische Gedichte.

 

Noch wirken die älteren Nutzer auf Facebook wie Exoten, doch in Wahrheit sind sie der Beweis dafür, wie sehr die Plattform im Mainstream angekommen ist. Längst verlaufen dort die Grenzen nicht mehr zwischen Ländern, Sprachen oder Religionen, sondern zwischen den Generationen. Statistisch gesehen sind die meisten Facebook-Nutzer so alt wie Asghars Tänzer. Dass sich nun immer mehr Eltern oder ältere Kollegen anmelden, stört viele junge Nutzer. Als Asghar seinem ältesten Sohn Babak, 30, eine "Freundschafts"-Anfrage schickte, dachte der: "Jetzt ist mein Vater auch hier!" Es war, als würde Asghar auf einmal bei einer Party von Babak auftauchen. Es war eine Grenzüberschreitung. Babak löste das Problem, indem er seinem Vater nur einen Teil seines Profil zugänglich machte.

In den meisten Familien hat das Internet dazu geführt, dass die Kinder einen Wissensvorsprung vor den Eltern haben. Bei Asghar Pourkashani und seiner Tochter ist es umgekehrt: Während er täglich bis zu zwei Stunden Kommentare schreibt oder Fotos anschaut, ist seine Tochter skeptisch geworden. "Facebook ist Zeitverschwendung", meint Gelareh. Sie ist dort nie beigetreten und bei StudiVZ nur noch eine Karteileiche: "Ich habe einfach keine Lust auf diese oberflächlichen Freundschaften im Netz!" Natürlich habe auch sie schon verloren geglaubte Schulfreunde im Internet wiedergefunden. Aber ist es nicht so, dass man dann eh nur belanglose Zweizeiler hin und her schickt? Was verpasst man, wenn man nicht dabei ist? Urlaubsfotos von Bekannten, Einladungen zu Partys, virtuellen Tratsch.

Und immer mehr Werbung. Viele große Firmen nutzen die Plattform für Marketingzwecke; die Deutsche Bahn verkauft von Montag an Sonderpreis-Tickets exklusiv auf Facebook. Auch das ist eine Grenzüberschreitung, eine Ausweitung der Privatzone. Man könnte auch sagen: eine Ausbeutung der Nutzer.

Facebook ist längst zu einem gigantischen Unternehmen geworden . Im August schätzte die britische Financial Times seinen Wert auf 33 Milliarden US-Dollar. Mehr als eine Million Websites haben Facebook integriert, mehr als eine halbe Million Partnerunternehmen bieten Anwendungen auf der Webseite an, zum Beispiel Online-Spiele. Das amerikanische Wall Street Journal hat herausgefunden, dass viele dieser Firmen die Daten der Facebook-Nutzer nicht nur sammeln, sondern auch an andere Werbeunternehmen weiterverkaufen. Für die Pourkashanis ist Facebook ein sozialer Trend, für Facebook sind die Pourkashanis bloß Daten, mit denen man Geld verdienen kann. Viel Geld. So wie mit allen anderen Nutzern auch. 

Obwohl Gelareh Facebook noch nie besucht hat, bekommt auch sie inzwischen E-Mils von der Plattform; sie hat sie immer weggeklickt, wie digitalen Müll. Gut möglich, dass Gelareh diese Werbemails ihrem Vater oder ihrem Bruder zu verdanken hat. Als die sich anmeldeten, erlaubten sie der Seite, ihre E-Mail-Konten zu durchsuchen nach Kontakten, die bereits Mitglieder auf Facebook waren. Sie wussten nicht, dass Facebook ihre E-Mail-Listen speichern würde , um später Nichtmitglieder wie Gelareh anzumailen. Noch ein Vertrauensbruch von Facebook.

"Ich glaube Facebook nach diesen Pannen nicht mehr", sagt Gelarehs Bruder Babak, ein 30-jähriger Unternehmensberater, der in Frankfurt lebt. Er galt in der Familie lange als Intensiv-Surfer. Eine Zeit lang rief Babak Facebook jeden Morgen als Erstes auf und abends als Letztes. Seine "Freundes"-Liste wuchs, Babak ging ständig auf die Seite. "Er war süchtig", meint seine Schwester.

Aber diesen Sommer hatte Babak auf einmal das Gefühl, er gebe zu viel von sich preis, er verschwende zu viel Zeit. Wann hatte er zum letzten Mal ein Buch gelesen? Er wusste es nicht mehr. Er verordnete sich eine einmonatige Facebook-Pause – und verkündete sie auf Facebook. "Willst du öffentlichen Selbstmord begehen?!", kommentierte ein Freund ironisch. In seiner neu gewonnenen Freizeit las Babak Bücher. Er ging joggen und kickboxen. Und er fand sein altes Facebook-Ich auf einmal lächerlich. "Inzwischen habe ich 350 Facebook-Freunde", sagt er, "wenn ich mir vorstelle, dass die alle vor meinem Fenster stehen und mir zuschauen, frage ich mich: Ist es wirklich so interessant, was ich tue?"

Immer mehr Nutzer stellen sich diese Frage. Und auch das gehört zur Wahrheit über das Netz. Imperien entstehen dort über Nacht. Doch sie können, wenn sie ihre Faszination verlieren, fast ebenso schnell wieder verschwinden. Einst war MySpace viel größer als Facebook, heute spricht kaum jemand mehr davon.

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