Gesellschaftskritik Über Motivkrawatten

Die Krawatte ist eigentlich ein hochfrivoles Kleidungsstück.

Nun muss man wissen, dass die Krawatte sich überhaupt auf dem Rückzug befindet. Galt es noch vor wenigen Jahrzehnten als unschicklich, bei feierlichen Anlässen auf sie zu verzichten, geben sich in konservativer Manier stilbewusste Gastgeber heute schon erleichtert, wenn noch Anzug und Hemd den Gast schmücken.

Die Krawatte, bei Lichte besehen, ist ein hochfrivoles Kleidungsstück. Sie wird, was an der männlichen Physiognomie liegt, unsichtbar verlängert: Die Hose verdeckt die nackten Tatsachen, auf die eine Krawatte recht krude, einem Pfeil oder Verkehrsschild gleich, verweist. Die Krawatte war einerseits gerade bei geschäftlichen oder feierlichen Anlässen unerlässlich, sie drückte gute Sitte, Standesbewusstsein und Seriosität aus. Andererseits kompromittierte sie die gute Gesellschaft durch ihre beschämend eindeutige Form. Diese paradoxe, sowohl sittliche als auch anrüchige Konnotation der Krawatte wird noch heute im Rheinland hervorgehoben, wenn am Tag der sogenannten Weiberfastnacht die Frauen den Männern volltrunken die Krawatte mit einer scharfen Schere abschneiden.

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Es ist jedenfalls wenig verwunderlich, dass die Verbreitung der Krawatte in gleichem Maße abnahm, wie der seit je in Deutschland auf Äußerlichkeiten stark fixierte Feminismus seinen Siegeszug vollzog. Mit großer Ernsthaftigkeit verwiesen Feministinnen in den siebziger und achtziger Jahren auf den männlichkeitsverherrlichenden Charakter dieses Kleidungsstücks. Die Designer reagierten auf die Angriffe mit unbeholfener Ironie. Um die Krawatte salonfähig zu halten, schmückten sie diese mit lustigen Motiven, um ihre Unschuld zu unterstreichen. Krawatten zierten mit einem Mal kleine Elefanten, Bärchen oder muntere Hasen. Der lustig angezogene Mann war kaum mehr mit herrischer Männlichkeit zu assoziieren, eigentlich überhaupt nicht mehr mit Männlichkeit.

Die Motivkrawatte nahm der Krawatte ihre symbolische Kraft, sie lenkte den Blick von ihrer phallischen Form auf eine kuschelige Tierwelt ab. Bei der Gratulation kurz nach der Wahl Deutschlands in den Sicherheitsrat zeigte sich UN-Botschafter Peter Wittig nun mit einer selten gesehenen Motivkrawatte in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Sie sollte nicht etwa die neue Macht Deutschlands symbolisieren, sondern auf etwas durchsichtige Weise seine angebliche Harmlosigkeit und seinen berüchtigten Humor unterstreichen.

 
Leser-Kommentare
  1. Eher nach Belgien also sieht für mich die Krawatte aus. Oder sie ist, gold-rot-schwarz gesehen, Ausdruck der Freude über die Wahl Deutschlands in den Sicherheitsrat: Deutschland steht kopf!

  2. ... Die Krawatte ist nichts anderes als die durch Nichtnotwendigkeit stilisierte und vereinfachte Form des Halstuchs, das Männer früher als Schutz gegen Staub und Kälte trugen. Was immer da an phallischen und frivolen Umdeutungen geboten wird, ist nichts als aus Langeweile entstandener Unsinn.

  3. Es gibt sogar baptistische Gemeinden, in denen Krawatten verboten sind, weil sie auf das männliche Geschlecht zeigen.
    Ich frag mich immer, wer sowas ernst nimmt...

  4. Sehr gerne aber sag ich: weg mit den Bildern, Comics (waren die nicht schon vor 15 Jahren absolut out?) und Botschaften und her mit den klassischen Krawattenmustern.

    Das hat was und wenn man sich unseren Verteidigungsminister anschaut, würde ich behaupten, dass es noch Hoffnung gibt in Sachen Männerkleidung.

  5. ist es nicht schade, wenn sie in Vergessenheit geraten. Das gilt allerdings in gleichem Maße für Krawatten in beige mit altrosa Streifen. Also Scheußlichkeiten gibt es mit Motiv genauso wie ohne.
    Motivkrawatten wirken leicht lächerlich, da gibt es einfach Gelehenheiten zu denen man sie nicht tragen sollte... die Krawatte vom Stammtisch in der Eckkneipe taugt nunmal nicht zum Staatsempfang.

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