WirtschaftsforschungGoogeln einmal anders

Ökonomen nutzen die Suchmaschine, um das Wirtschaftsgeschehen vorherzusagen. von 

Firmenlogo von Google an der Zentrale in Mountain View: Die Suchmaschine soll Ökonomen helfen, die Welt zu verstehen

Firmenlogo von Google an der Zentrale in Mountain View: Die Suchmaschine soll Ökonomen helfen, die Welt zu verstehen  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Haben Sie Angst vor Google? Dann kommt hier eine schlechte Nachricht: Die Suchmaschine speichert nicht nur jede Silbe, die Sie ins Suchfeld tippen . Google errechnet aus den Suchwörtern auch Statistiken und veröffentlicht sie anschließend im Netz. Die gute Nachricht: Was Sie bei Google eingeben, hilft Ökonomen, die Welt zu verstehen.

Nowcasting nennen die Ökonomen das, was sie derzeit mithilfe der Datensammlung von Google erproben: die Gegenwart vorhersagen. Die Suchmaschine aus Kalifornien bereitet auf der Internetseite Insights for Search seit rund zwei Jahren statistisch auf, wonach die Menschen Woche für Woche suchen, aufgeschlüsselt nach Ländern und Städten. Wo wird öfter nach Inflation gegoogelt, in Frankreich oder in Deutschland? (In Deutschland.) Wurde im vergangenen Monat eher in den alten oder neuen Bundesländern nach Thilo Sarrazins Thesen gesucht? (Eher in den neuen Ländern). Googles Datenbank verrät einiges darüber, was die Bürger gerade interessiert.

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Genau darüber wissen Ökonomen oft ziemlich wenig. Viele Forscher tun sich nicht bloß schwer mit Zukunftsprognosen , sondern auch mit der Erfassung der Gegenwart. Empirische Daten über das Wirtschaftsgeschehen sind rar und kommen spät. Kaufen die Menschen mehr Autos und Kühlschränke? Sorgen sich die Bürger berechtigterweise um ihren Job? Bis die statistischen Ämter und Arbeitsagenturen die offiziellen Daten vorgelegt haben, müssen sich viele Ökonomen auf Umfragen und Frühindikatoren verlassen, die nicht eben akkurat sind.

Die amerikanischen Forscher Matthew E. Kahn und Matthew J. Kotchen zapften deshalb Googles Datenmaterial an, um eine einfache Frage zu beantworten: Interessieren sich Menschen, die um ihren Job fürchten, weniger für den Klimawandel? Mit herkömmlichen Methoden ist es aufwendig, eine halbwegs verlässliche Antwort zu finden. Ein Umfrageinstitut müsste Tausende Menschen anrufen, um sie nach ihren Ängsten am Arbeitsplatz und ihrem Interesse am Klimaschutz zu befragen. Das kostete Geld und Zeit, und ungewiss bliebe zudem, ob die Befragten die Wahrheit sagen.

Kahn und Kotchen fragen stattdessen Google. Ihre Idee: Wer um seinen Job fürchtet, sucht im Netz öfter unter "Arbeitslosigkeit", wer sich um den Klimawandel sorgt, tippt den Begriff global warming ins Suchfeld. Dabei griff das Forscherduo auf Google-Daten aus der Zeit von Januar 2004 bis Februar 2010 zurück. Ergebnis: Wo die Arbeitslosigkeit stieg, gab es weniger Suchanfragen nach der Erwärmung der Erde, jene nach Arbeitslosigkeit aber nahmen zu. Die Ökonomen vermuten nun, dass die Sorgen um die Rezession das Interesse für Umweltthemen in vielen Regionen verdrängt haben.

Man mag das gewagt finden. Doch haben Ökonomen erstaunlich oft nachgewiesen, dass Suchanfragen und reale Entwicklungen dicht beieinander liegen. Ein Team der George Mason University entwickelte etwa im vergangenen Jahr für die Vereinigten Staaten einen Indikator, der anhand von Suchkombinationen mit Begriffen wie home refinance oder homes for sale aussagt, ob die Immobilienpreise aktuell steigen oder fallen. Auch Googles Chefökonom Hal Varian stellte fest, dass die Nachfrage nach Reisen in eine Region zunahm, wenn die Leute den Namen der Stadt vorher vermehrt ins Suchfeld getippt hatten.

Ein Effekt, den sich auch deutsche Konjunkturforscher zunutze machen. Klaus Zimmermann, der Chef des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), war der Erste unter ihnen, der aus Google-Daten einen Indikator für die kurzfristige Entwicklung der Arbeitslosigkeit gebaut hat. Zimmermann ließ alte Suchanfragen analysieren und entwickelte hieraus eine Formel, die unter anderem berücksichtigt, wie oft die Menschen nach "Jobbörse" oder "Arbeitsamt" suchen. Bis auf einen Ausrutscher im Frühjahr 2009 treffe der Indikator die Tendenz ganz gut, berichtet Zimmermann.

Googeln 2.0: Auch der Essener Konjunkturexperte Thorsten Schmidt entwickelte ein Modell. Es schätzt ein, wie sich der private Konsum in den Vereinigten Staaten kurzfristig entwickelt. Im ersten Test schlug das Google-Modell andere wichtige Frühindikatoren.

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Leserkommentare
  1. "Wo die Arbeitslosigkeit stieg, gab es weniger Suchanfragen nach der Erwärmung der Erde"

    Wenn ich sowas lese, kriege ich jedesmal die Krise. Obwohl wahrscheinlich nicht der geringste Zusammenhang besteht, wird trotzdem einer konstruiert.
    Die globele Erwärmung ist ganz sicher kein Thema, was in den letzten 6 Jahren in den Medien stets gleich viel Aufmerksamkeit erregt hat. Das ging ständig auf und ab, weswegen man auch keine Schlüsse aus der Anzahl der Suchabfragen im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit ziehen kann.

    Wenn man sowas schon macht, dann bitte mit Suchbegriffen, die sowiso immer gesucht werden, wie z.B. Sex

  2. Wie war das noch gleich? Google zahlt ca. 3 % Steuern auf den Unternehmensgewinn. Früher hiess es bei ihnen 'don't be evil' nun 'don't pay taxes'. So schlecht kann es Irland (bzw. den dortigen Oligarchen) nicht gehen, wenn diese Betrügerei immer noch unterstützt wird. Link:

    http://www.heise.de/tp/bl...

    Danke, TP

  3. Aus dem Artikel wird mir nicht ersichtlich, warum diese Entwicklung die 'Angst vor Google' bestärken sollte. Es ist doch nichts anderes, als eine anonyme Umfrage, an der man jeder Google-Nutzer teilnimmt. Ich sehe kein Drama darin, dass man zu einem gewissen Grad (wenn unwissend) ohne Zustimmung daran teilnimmt.

    Wie wertvoll diese Daten für die Analyse der Interessen der Menschen und die Ableitung ökonomischer Entwicklungen daraus wirklich sind, darüber lässt sich streiten. Ich erkenne aber eine wissenschaftliche Chance in der Betrachtung dieser Google-Statistiken.

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