Die Rebellion trägt Backenbart und Pepitahütchen, ist ein wenig rund um die Hüften und hört auf den Namen Thierry Guetta. Schwer vorstellbar, dass dieser Thierry über Brückengeländer balancieren, Hausdächer erklimmen oder im gestreckten Galopp vor der Polizei davon preschen könnte. Schwer vorstellbar auch, dass er zum Warhol des 21. Jahrhunderts aufsteigen sollte. Davon aber erzählt Exit Through the Gift Shop , ein Film des populären Street-Art-Künstlers Banksy und eines der schönsten Täuschungsmanöver, die derzeit im Kino zu sehen sind.

Bislang war Banksy vor allem für seine lakonischen Bildwitze bekannt, die er überall auf der Welt an Hauswänden oder Stromkästen hinterlässt. Ohne seine Identität je preiszugeben, zersägte er Telefonzellen, besprühte die Mauer um das Westjordanland oder schmuggelte eine als Guantánamo-Häftling verkleidete Gummipuppe ins Disneyland ein. Mit Banksy wurde der urbane Vandalismus unterhaltsam, wie kein anderer versteht er sich darauf, die ödesten Städte in lustvolle Ausstellungsräume zu verwandeln. Auch sein Kinodebüt zeigt eine solche Verwandlung, allerdings die eines Menschen.

Der kleine, überdrehte Thierry, stets eine Videokamera vor den Augen, kommt nach Los Angeles, begleitet zunächst die Street-Artists der Stadt auf ihren nächtlichen Streifzügen, weil er den ersten Dokumentarfilm über die Szene drehen will. Doch irgendwann, als das Chaos über ihm zusammenschlägt, wechselt er die Seiten, wird selbst zum Künstler und damit seinerseits zum Objekt einer Dokumentation. Nun filmt ihn ausgerechnet jener, der bislang der Gefilmte war. Es ist eine Umkehrung der medialen Machtverhältnisse: Banksy zeigt uns, wie jemand ihn zeigen wollte und schließlich als Vorgezeigter endet.

Dieser Vorgezeigte firmiert nun unter dem Künstlernamen Mr. Brainwash und feiert riesige Erfolge. Er hat keine Galerie und keinen Kurator, hat weder Erfahrung noch Geld, dennoch kann er sich ein Dutzend Assistenten und einen großen Ausstellungsraum leisten und veranstaltet ein derartiges Spektakel, dass am Ende die Medien berichten, die Massen strömen und Kunstwerke für viele Hunderttausend Dollar abgesetzt werden. Ob das stimmt? Oder nur nett erfunden ist?

Vermutlich beides. Vermutlich ist Banksys Wahrheit ebenso erfindungsreich, wie seine Erfindungen wahrhaftig sind. Rein formal kommt sein Film als Dokumentation daher, aufrichtig bis zur Langeweile. Umso süßer muss das Gefühl der Rache sein, mit so viel Seriosität all jene zu verunsichern, die nur zu gerne an den Mythos der wild-authentischen Street-Art glauben.

Banksy und mit ihm viele andere Straßenkünstler hatten sich einer anderen Kunst verschrieben, nicht elitär, nicht ewig, nicht teuer. Sie lebten aus dem Augenblick, und das Museums- und Sammlergetue war ihnen herzlich egal. Doch weil der Kunstmarkt niemanden mehr liebt als jene, die ihn hassen, verwandelte sich selbst die temporäre Street-Art rasch in begehrte Auktionsware.

Aber Banksy liebt zurück. Sein Film feiert die Mechanismen des Ruhms – und führt sie zugleich ad absurdum. Es ist Banksys Rebellion, sie trägt Backenbart, und durch die Hintertür kommt sie herein.