Minenarbeiter in China: Innerhalb der nächsten Dekade dürfte das Land das Niveau europäischer Pro-Kopf-Emissionen erreicht haben © STR/AFP/Getty Images

Das Berliner Energiekonzept hat neue Prioritäten geschaffen. Neben die Versorgungssicherheit zu günstigen Preisen tritt nun ganz offiziell die Klimaverträglichkeit. Die globalen Risiken und Chancen dagegen berücksichtigt das Konzept kaum.

Diese wurden dafür von der Internationalen Energiebehörde und vom Weltenergierat benannt: Beide meinen, die Welt werde 2020 um die 40 Prozent mehr Energie nachfragen als heute und zur Mitte des Jahrhunderts gar das Doppelte. Dabei blieben fossile Energieträger die dominante Energiequelle, der Anteil der Kohle würde steigen. Auf der Strecke bliebe nur einer: der Klimaschutz.

Das spricht nicht gegen ein europäisches Energiekonzept, das massiv auf Erneuerbare setzt. Europa kann dadurch der Menschheit vorführen, wie eine Transformation des Energiesystems nicht nur Klimaziele erfüllt, sondern auch Wettbewerbsvorteile schafft. Schwellenländer könnten zu Partnern der internationalen Energiewende werden, und die ärmsten Länder könnten mithilfe von Emissionshandel und Entwicklungszusammenarbeit leapfrogging betreiben, also die fossile Entwicklungsstufe samt ihren Klimafolgen ganz oder teilweise überspringen.

Die Voraussetzungen dafür scheinen aber nicht günstig zu sein: Ein Folgeabkommen für die globalen Klimaschutzvereinbarungen von Kyoto ist in weite Ferne gerückt. Also schmälere der forcierte Aufbau erneuerbarer Energiesysteme die Wettbewerbsfähigkeit, folgern die Anhänger alter Denkschulen. Es ist ein Drama: Weil ein Abkommen nicht zustande kommt, blockieren sich die Akteure wechselseitig.

Die Weichenstellung in Richtung erneuerbarer Energien in Europa muss also durch Kooperationsangebote an die Schwellenländer ergänzt werden, die in diesen Jahren zwischen fossilen und erneuerbaren Energieoptionen zu entscheiden haben. Europa könnte als Vorreiter Allianzen für klimaverträgliche Energiesysteme aufbauen.

Gemeinsame Forschung und Ausbildungsinitiativen für eine klimaverträgliche Zukunft: Das wären Elemente einer Energieaußenpolitik auf der Höhe der heutigen Zeit. Es gilt Effizienzstrategien zu entwickeln, Netzwerke für den Aus- und Umbau der Städte zu bilden, Emissionshandelssysteme zu verknüpfen und Ingenieure mit den neuen Energien vertraut zu machen.

Beispiel Brasilien: Die regionale Führungsmacht in Südamerika kann auch zum avancierten Klimaschoner aufsteigen, wenn sie die Bioenergie-Karte mit Ethanol, Biodiesel und Wasserkraft ausreizt. Mit bereits heute 40 Prozent des Energieangebotes aus erneuerbaren Quellen könnte Brasilien eine grüne Energiemacht werden, insbesondere wenn man berücksichtigt, über welche Wind- und Solarenergiepotenziale das Land verfügt. Brasilien könnte aber ebenso mit seiner Petrobas auf fossile Quellen zurückgreifen, die im Boden und vor der Küste reichlich lagern (und nebenbei noch die atomare Option wählen). Deepwater Horizon mag das "Öldorado" ernüchtert und als Brückentechnologie die ebenso umfangreichen und weniger klimaschädlichen Erdgasressourcen ins Spiel gebracht haben. Energiekooperation im Bereich der Erneuerbaren könnte die brasilianische Elite dazu bewegen, den nicht fossilen Energiepfad rasch zu verbreitern, statt primär auf die Ölreserven zu setzen.