Den Mann mit dem strähnigen, schwarz-grauen Haar vorn auf der Bühne kennen alle im Saal. Trotzdem wird er extra vorgestellt: »On guitar«, brüllt der Sänger ins Mikrofon, »Mister Emir Kusturica!« Das Publikum johlt begeistert, lange und laut. Dann erschallt der Ruf: »Ne damo« – »Wir geben nicht...« Die tobende Masse brüllt gemeinsam mit der Band: »Kosovo

Ob in Berlin oder Buenos Aires – das Ritual ist jedes Mal dasselbe bei den Konzerten der serbischen Rockgruppe Emir Kusturica and the No Smoking Orkestra. Emir Kusturica hat massiv an der Popularisierung der Truppe, die einmal als Punkband anfing, mitgewirkt. Er stockte sie durch Profimusiker auf, widmete ihr den Dokumentarfilm Super 8 Stories, warb mit seinem Namen. Heute spielen Emir Kusturica and the No Smoking Orkestra vor Zehntausenden Menschen in Europa, Russland, Nord- und Südamerika. Und kämpfen von der Bühne aus gegen ein unabhängiges Kosovo – und für Großserbien.

Im ehemaligen Jugoslawien ist Kusturicas nationalistisches Engagement bekannt. In Europa oder den USA dagegen steht sein Name vor allem für Filme wie Arizona Dream, eine Satire auf den amerikanischen Traum mit Johnny Depp; seinen Dokumentarfilm über den Fußballstar Diego Maradona; oder für Melodramen und Burlesken wie Zeit der Zigeuner (1986) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998). Wenn der Regisseur und zweimalige Gewinner der Goldenen Palme von Cannes im Westen überhaupt politisch verortet wird, dann im alternativen Multikulti-Spektrum.

Nur hin und wieder dringt an die Öffentlichkeit, wes Geistes Kind Emir Kusturica ist. Etwa kürzlich beim Filmfestival von Antalya, wo Kusturica als Jurymitglied zu Gast war. Nachdem ihm Protestierende vorwarfen, dass er während des Bürgerkrieges nicht gegen die »ethnischen Säuberungen« und gegen die Morde an muslimischen Bosnjaken protestiert habe, reiste Kusturica ab. Nicht ohne vorher den türkischen Minister für Kultur und Tourismus, der Druck auf die Organisatoren ausgeübt hatte, zu seinem »Feind« zu erklären. Da hatte der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu, Berlinale-Gewinner mit seinem Film Bal, seinen Festivalbesuch aus Protest gegen Kusturicas Anwesenheit bereits abgesagt.

Inzwischen muss man sich fragen, weshalb Kusturica überhaupt noch zu Festivals eingeladen wird. Seine politischen Ansichten hält er keineswegs geheim. Der No-Smoking-Orkestra-Song Wanted Man etwa ist einem »Rašo Dabić« gewidmet. Unter diesem Decknamen lebte der Kriegsverbrecher Radovan Karadžić über zehn Jahre lang in Serbien – während er weltweit vom UN-Kriegsverbrechertribunal gesucht wurde. »Wer Rašo Dabić nicht liebt, der kann uns mal«, singen Kusturica und seine Band in Reimform. Auf die Frage nach seiner Karadžić-Affinität antwortet Kusturica dem kroatischen Magazin Globus: »Ich bin immer auf der Seite der Verfolgten.«

Es mag absurd anmuten, einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher zum Verfolgten und Outlaw zu stilisieren. Doch genau diese manchmal direkte, manchmal indirekte Rechtfertigungsstrategie durchzieht auch Kusturicas Filme. Deren Helden sind durchaus liebenswert – aber sie haben einen Hang zur Unberechenbarkeit, der auch mal zu Mord und Totschlag führen kann. Dieses regionale Kriegs-Gen machte Kusturica nicht nur in seinen Balkankriegsfilmen Underground (1995) und Das Leben ist ein Wunder (2004) zum Grund für den Zerfall Jugoslawiens. In Underground ist es zudem der großdeutsche Imperialismus, der die Völker Jugoslawiens entzweit, in die Verräter einerseits und die Standhaften andererseits. Und natürlich gibt es für Kusturica keinen Zweifel darüber, wer die Verräter sind: Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 wird von der Bevölkerung von Slowenien und Kroatien bejubelt. Die Straßen von Belgrad hingegen sind menschenleer.

Millionen Flüchtlinge, 150.000 Tote, doch bei Kusturica können die Serben nichts dafür, dass sie Krieg führen. Sie sind halt nun mal so. »Und vor allem sollen sie rein serbisch sein. Das Konzept Multikulturalismus funktioniert nicht«, sagt Kusturica, »meine Familie ist ein symptomatisches Beispiel dafür.«