Was lief falsch bei den Kusturicas? Vater Murat wurde in eine Familie hineingeboren, die während der Herrschaft der türkischen Osmanen über Bosnien (1481 bis 1878) zum Islam konvertiert war. Er bekannte sich zum Atheismus. Mutter Senka kam aus serbisch-orthodoxem Hause. Gläubig war die Gerichtssekretärin nicht. Das war nicht ungewöhnlich im Jugoslawien der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Solange der sozialistische Staat seinen Bürgern Jahr für Jahr einen höheren Lebensstandard bescherte, spielten Religion und Nationalität eine immer geringere Rolle. "Gemischte" Ehen waren Normalität. Die "Dysfunktionalität" der Familie Kusturica bestand für den Sohn vermutlich gerade in deren selbstverständlicher Nichtreligiosität.

Kusturica wählte den radikal anderen Weg. Als international anerkannter Regisseur wurde er zunächst zum transjugoslawischen Idol. In seiner kroatisch-muslimisch-serbisch gemischten Heimatstadt Sarajevo war "Kusta" ein gefeierter Bürger. Umso schockierter reagierten die Sarajevoer, als der Filmemacher seiner Stadt 1992 die Solidarität verweigerte. Als dort die ersten Barrikaden des Bosnienkrieges gebaut wurden, verließ Kusturica seinen zweiten Wohnsitz Paris – und flog nach Belgrad.

In der Hauptstadt Serbiens machte er auf Miloševićs Regime-Fernsehsender RTS seine Sicht der bosnischen Tragödie öffentlich: Bosniens Muslime seien nicht wirklich für eine multikulturelle Gesellschaft. Nicht die Serben, sondern die Muslime hätten sich als Erste mit Waffen versorgt. Zudem vergäßen alle, die die Serben für das blutige Ende Jugoslawiens verantwortlich machten, die Leiden dieses Volkes im Zweiten Weltkrieg.

Die Belagerung der bosnischen Städte, die Vertreibung und Ermordung der Muslime: eine Reaktion auf über vier Jahrzehnte zuvor erlittenes serbisches Leid? Kusturicas Ansichten ähneln nicht nur an dieser Stelle denen Milošević-Serbiens in den neunziger Jahren – für die heute die serbische extreme Rechte einsteht. Zudem teilt er die Ansicht der serbischen Nationalisten, dass der Westen und besonders die EU zutiefst antiserbisch seien: "Wenn es nach Europa ginge", sagt er, "dann wären 99 Prozent dafür, dass alle Serben nach Russland ausgesiedelt werden."

Serbe zu sein ist für Nemanja Kusturica – wie Emir seit seiner orthodoxen Taufe 2005 heißt – zentraler Bestandteil seines Selbstverständnisses. Ungeachtet des erklärten Atheismus seiner Eltern ist er sicher: "Die Kusturicas waren 250 Jahre lang Muslime – aber nur, um die Osmanen zu überleben." Er habe diesem "sich zum Türken machen" (Balkan-Slawisch "poturciti se") seiner Familie nun ein Ende gemacht – und sie nun in die orthodoxe Kirche heimgeführt.

Der klare Bruch mit den "Sünden" der Vorfahren findet Beifall: Am 21. Januar dieses Jahres verlieh der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill, Emir beziehungsweise Nemanja Kusturica in Moskau den Jahrespreis des Internationalen Fonds der orthodoxen Völker – für seine "herausragende Tätigkeit zur Festigung der Einheit Orthodoxie". Dazu gehört auch Kusturicas aktiver Einsatz gegen die Unabhängigkeit des Kosovos. Und so war Kusturica im Februar 2008 einer der Hauptredner auf einer Massendemonstration in Belgrad.

Auf dem Platz der Republik im Zentrum der Stadt brüllte er den Zehntausenden versammelten Ewiggestrigen und nationalistischen Ultras durch eine Wand von Mikrofonen zu: "Zu welchem Mythos gehören wir? Zum Kosovo-Mythos!" Wenn die Masse nach solchen Worten minutenlang im kollektiven Rausch "Emire – Srbine!" ("Emir – Serbe!") skandiert, wenn Tausende Teilnehmer nach der Demonstration westliche Botschaften mit Brandsätzen und Steinen angreifen, dann wird klar, warum so viele Menschen im wirtschaftlich desolaten Serbien immer noch auf den Nationalismus hereinfallen. Und welche Rolle Prominente wie Kusturica dabei spielen.