Nicht nur wenn ihn weltberühmte Freunde wie Johnny Depp oder Maradona besuchen, ist Emir Kusturica Dauerthema in den serbischen Medien. Er ist ein Vorbild. Was er sagt, wird gehört, diskutiert, ernst genommen. Und diese Rolle nutzt der Regisseur und Musiker, um seine nationalistischen Ansichten zu verbreiten. Zum Beispiel, indem er den russischen Maler Andrej Budajew fördert und sich in Ausstellungskatalogen gemeinsam mit ihm ablichten lässt. Auf dessen Bildern wird Kusturicas großserbisches Weltbild schlagend sichtbar: Da steht Ex-Serbenführer Karadžić mit traurigem Blick und mit Handschellen gefesselten Händen – ein Held, der sich für die Orthodoxie opfert. Ebenso gut weg kommen Milošević und der nach wie vor vom Kriegsverbrechertribunal gesuchte Ex-Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladić. Deren Feinde sind westliche Politiker wie Madeleine Albright, George und George W. Bush und oder Javier Solana – eine auf Budajews Bildern in Naziuniformen und blutige Metzgerkittel gekleidete Bande, die nur ein Ziel kennt: Serbien zu zerteilen.

Budajews Werke kann man in Kusturicas Ethno-Dorf Drvengrad (»Holzstadt«) bestaunen. Der Regisseur hat die Siedlung im Westen Serbiens für die Dreharbeiten zu Das Leben ist ein Wunder bauen lassen. Schon seit den Zeiten Miloševićs war Kusturica Direktor des sein Dorf umgebenden Nationalparks Mokra Gora (»Nasse Höhe«). Kusturica ist der einzige Arbeitgeber in der Umgebung. Mittlerweile lebt er die meiste Zeit in dem im Volksmund »Kustendorf« genannten Ort. Er betreibt eine Filmschule, alljährlich findet – unter Schirmherrschaft des serbischen Kulturministeriums – das International Kustendorf Film Festival statt.

»Ich habe hier einen Lebensraum aus dem Mittelalter erstehen lassen«, sagt Kusturica dem Fernsehsender Arte, »eine Art Zitadelle, hinter deren Mauern die Menschen Zuflucht finden. Denn ich glaube, man muss sich heute in Enklaven vor der drohenden Katastrophe schützen.« Vor welcher Katastrophe? Tatsächlich erinnert Drvengrad eher an einen Vergnügungspark. So empfinden es auch die Busladungen von Schulkindern, die täglich aus allen Teilen Serbiens nach Kustendorf gekarrt werden.

Dort wird ihnen im lokalen Kino, einer – serbisch-orthodoxen – Holzkirche, den – serbischen – Restaurants, Geschäften und Ständen mit – serbischen – Waren auf lockere Weise das Weltbild der serbischen extremen Rechten nähergebracht. Dazu läuft die aus Kusturicas Ethno-Filmen und vom No Smoking Orkestra bekannte »Zigeunermusik«. Im Gegensatz zu ihren ungarischen oder rumänischen Pendants sind die serbischen Ultrarechten keine Antiziganisten. Roma dürfen bei ihnen durchaus mitmachen – sofern sie dem serbischen Zigeuner-Stereotyp entsprechen. Also: orthodox und Musiker sind.

Als Schüler, Studenten, Lehrer, kurz: normale Angehörige der Gesellschaft dagegen haben »cigani« bei den serbischen Nationalisten so wenig zu melden wie in Kusturicas Filmen. Das widerspräche wohl ihrer Natur, über die der Regisseur im Interview dem deutschen Magazin Novo sagt: »Zigeuner überleben wie Insekten, nach dem Prinzip der Selektion aufgrund von Farb- und Formschönheit ihrer Flügel.«

Ist das Rassismus? Fragen wie diese schätzt Kusturica nicht. Sein ruppiger Umgang mit Kritikern ist berüchtigt. Im Herbst vergangenen Jahres ließ er ein kroatisches TV-Team aus Kustendorf hinauswerfen. Die Journalisten hatten auf einer Aussage zum Verhältnis zu Milošević beharrt.

Hatte Kusturica nicht der New York Times einmal einen denkwürdigen Satz gesagt? »Ich halte nichts von Demokratie. Wenn ich schon eine eigene Stadt habe, dann kann ich mir auch die Bürger aussuchen.«