Der Mann muss Europäer sein, da besteht kaum ein Zweifel: 1,76 Meter groß, lange Nase, tief liegende Augen, blond-bräunliches Haar und helle Haut. Seine gut erhaltene Kleidung mutet osteuropäisch an. Und er ist seit 3200 Jahren tot. Das Besondere ist aber nicht sein biblisches Alter, sondern der Ort, an dem er in einer einfachen Glasvitrine ruht: in der chinesischen Provinzhauptstadt Ürümqi.

Ebenso eindeutig nichtasiatisch ist ein halbes Dutzend weiterer Mumien, das im örtlichen Museum zu bestaunen ist. Die Toten waren zwischen 1800 und 1200 vor Christus in der Senke nördlich der Taklamakan-Wüste beigesetzt worden. Die Mumifizierung hatte die Natur übernommen: Heftig schwankende Tages- und Nachttemperaturen und das Wüstenklima des Tarim-Beckens sorgten für eine Gefriertrocknung des Körpers. Der hohe Salzgehalt des Bodens hielt zersetzende Bakterien ab.

Diese »Europäer« in der äußersten Nordwestecke des heutigen Chinas sind ein wissenschaftliches Rätsel – und ein Politikum. Denn die Leichname wurden in der »Autonomen Region Xinjiang« gefunden, der Heimat der Uiguren. Das Turkvolk muslimischen Glaubens fordert – mit Protesten, aber auch Bomben – seit Jahrzehnten eine Loslösung von China, was die Regierung in Peking mit rigiden Polizeimaßnahmen und einer verstärkten Ansiedlung von Han-Chinesen verhindert. Die Spannungen entluden sich im vergangenen Jahr so gewalttätig, dass die chinesischen Behörden die Region für Besucher sperrten. In diesem Konflikt avancierten die westlich anmutenden Mumien schon früh zum Symbol des uigurischen Nationalismus. Als mutmaßliche Vorfahren sollten sie das Heimatrecht des Turkvolkes auf Xinjiang untermauern.

Eine exakte Antwort auf die Fragen aber, wer diese Indoeuropäer waren und wie sie nach Fernost kamen, kannte die Wissenschaft bislang nicht. Für Chinesen ist die Frage grundsätzlich unangenehm, denn Kulturbringer von außerhalb widersprechen dem chinesischen Selbstverständnis, wonach sich das Reich der Mitte nur aus sich selbst heraus entwickelt habe. Die frühen Mumienfunde – etwa durch den schwedischen Geografen Sven Hedin 1937 – konnten die chinesischen Behörden noch mit der Erklärung marginalisieren, es handle sich um versprengte Einzelreisende. Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurden so viele gut erhaltene Leichname aus dem heißen Wüstenboden geborgen, dass davon keine Rede mehr sein kann.

Mittlerweile bemüht sich China selbst um die Lösung des Rätsels. Wissenschaftler der Universitäten von Shanghai und Changchun haben von 20 Mumien aus der Nekropole Xiaohe am heute ausgetrockneten Nur-See DNA-Proben genommen und diese unabhängig voneinander untersucht. Das Ergebnis, mitgeteilt in der US-Fachzeitschrift Archaeology, ist für uigurische Nationalisten, die auf Rückendeckung aus der Wüste gehofft hatten, ein herber Rückschlag. Nicht eine der DNA-Proben ergab offenbar eine Beziehung zur modernen Uiguren-Bevölkerung. Die genetische Verbindung nach Westen jedoch ließ sich zweifelsfrei belegen.

Alle männlichen Proben stammten aus einem europäischen Gen-Pool, die Frauen aus zwei verschiedenen Populationen – einer europäischen und einer asiatisch-sibirischen. Schon vorher hatten andere Indizien in den europäischen Westen gewiesen: die Herstellung des Garns und die Webtechnik der Kleidung mit mehrfarbigem Muster – die Stoffe gleichen auffallend frühen Textilien aus Österreich, Skandinavien und Deutschland.