Den Blick aus dem Stadtplan heben und den Kopf in den Nacken legen ist in Oxford eins. Inmitten der gotischen Himmelssehnsucht all seiner nadelspitzen Türme, Bögen, Kuppeln und Kapitelle stehen Touristen herum, als posierten sie für ein Erweckungsbild der Zeugen Jehovas. Viel mehr als hochstaunen bleibt ihnen allerdings auch nicht. Denn eintreten in die Hauptattraktionen der Stadt lässt man sie nur hin und wieder. Die 39 Colleges öffnen und schließen ihre Pforten für Besucher mit despotischer Willkür – von festen Öffnungszeiten kann keine Rede sein.

Aber das ist nicht mein Problem. Ich schreite durch das trutzige Eingangstor und passiere ein Verbotsschild, das Neugierige draußen hält. Der livrierte Pförtner winkt mich in seine Loge, drückt mir einen Zimmerschlüssel in die Hand und schickt mich weiter in einen einschüchternd leeren Innenhof. Rings um mich herum zacken dunkle Zinnen in den Abendhimmel, hinter mir blitzen die Kameras abgewimmelter Japaner. Ein kleines Triumphgefühl fliegt heran. Schließlich ist dieser Hof das Herz eines der angesehensten Colleges der Stadt. Und zwar meines Colleges. Wenn auch nur für zwei Nächte.

Möglich ist das durch Charlie Ramsay. Der damalige Oxford-Student machte vor vier Jahren eine Entdeckung: Die meisten englischen Collegezimmer standen während der Trimesterferien leer. Die Studenten werden in dieser Zeit nämlich heimgeschickt. Aber der Konferenzbetrieb, der dann beginnt, füllt längst nicht alle Betten. Was für eine Verschwendung, dachte Charlie und richtete die Internetseite www.universityrooms.co.uk ein – eine zentrale Buchungsplattform für Collegezimmer in mittlerweile 21 britischen Städten. Die Bed & Breakfast-Angebote sind viel günstiger als Hotels. Ich will sie in niedrigen, mittleren und hohen Preislagen probieren und beginne mit dem höchsten Standard – im Jesus College von Oxford.

Der Tisch klebt, als sei er imprägniert mit jahrhundertelang verschüttetem Bier

Im Eingang zu meinem Treppenhaus hängen sechs schwarze Talare, als seien gerade Harry Potter und seine Freunde zu Besuch. Die 450 Jahre alten Stufen knarren, dann quietscht der Schlüssel verheißungsvoll im Schloss. Ich betrete meine zwei winzigen Zimmer mit Bad – und bin ernüchtert, als sei plötzlich im Kino das Licht angegangen. Der Teppich wirft Falten, die Wände haben die Farbe von Kartoffelpüree, Leitungsrohre kriechen über den Putz wie in einem Dritte-Welt-Krankenhaus. Keine erratischen Kritzeleien oder vergessenen Bierflaschen sind zu entdecken, nur eine melancholisch nackte Pinnwand erinnert an ein Studentenleben. Ich lege mich auf das pritschenartige Bett und starre auf den Fleischerhaken, der aus einem Balken an der Decke ragt. Sollen sich daran etwa die Durchgefallenen aufknüpfen? Nein, erklärt eine Broschüre auf dem Nachtkästchen. Von ihm soll man sich bei einem Brand aus dem Fenster abseilen. Ich lösche das Licht und grübele lange über ein fernes Blöken. Erst als ich herausfinde, dass irgendwo jemand mitten in der Nacht Klarinette übt, schlafe ich ein.

Der Morgen im Jesus College besitzt die Gravität eines Feiertags. Wo man Stimmengeläut und adoleszenten Kraftüberschuss erwarten würde, herrscht während der Ferien phlegmatische Ruhe. Bedienstete tragen mit vornehm kleinen Schritten Zeug über den Hof. Männer sitzen auf Bänken und stieren in Laptops. Ein paar Touristen hat man jetzt auch hereingelassen. Alle fotografieren die Graffiti über den Treppenaufgängen. Mit bunter Kreide sind dort die Namen anderer Eliteuniversitäten aufgemalt, die den Jesus-Ruderern auf der Themse unterlagen. Men’s I Division bumped University Worcester, Keble and Christ Church, heißt es über einem der Stiegenhäuser. Ein Zimmermädchen aus der Karibik verrät mir andächtig, dass darin der spätere Ministerpräsident von Jamaika seine Bleibe hatte. Gleich nebenan wohnte Lawrence von Arabien, ein Stück weiter der zweimalige britische Premierminister Harold Wilson. Allein 26 Regierungschefs des Vereinigten Königreichs hat Oxford hervorgebracht.

Am Tag darauf treffe ich in der Dining Hall Michael zum Frühstück, einen angehenden Doktor der Physik mit rotem Wuschelkopf. Um acht Uhr, denn schon eine halbe Stunde später wird das Buffet abgeräumt. Unter dem strengen Blick der Collegegründerin Elisabeth I. vertilgen wir an einer kegelbahnlangen Tafel Würstchen, Speck und Baked Beans. Der Tisch klebt wie imprägniert von jahrhundertelang verschüttetem Bier. Jedes Husten detoniert geradezu in dem Saal voller Stuck, Ölgemälde und düsterer Wandpaneele. Michael schwärmt von der Betreuung in Oxford. »Hier haben die Studenten Anspruch auf mindestens ein Einzeltutorium pro Woche bei einem Dozenten«, erzählt er und schaufelt sich eine Ladung Bohnen in den Mund. »Und wenn ich nachts eine Mail an meinen Professor schrieb, konnte ich die Antwort zum Frühstück lesen.« Während in Deutschland rund jeder zweite Student hinschmeißt, beträgt die Abbruchquote in Oxford gerade mal ein Prozent.