Da das Klagen über sexuellen Missbrauch von Kindern rituell und folgenlos ist, braucht es öffentlichen Druck und prominente Gesichter, damit etwas geschieht. So argumentiert Heinrich Wefing (Tatort Privatfernsehen,ZEIT Nr. 42/10) und drückt dabei mindestens anderthalb Augen zu, wenn es um die Methoden geht, die Ministergattin Stephanie zu Guttenberg als Patin der umstrittenen RTL-2-Serie Tatort Internet mit zu verantworten hat.

Kein Zweifel: Männer, die Kinder übers Internet ködern, um sie zu missbrauchen, handeln kriminell. Wenn die virtuelle Kontaktanbahnung wirklich so unverfroren, häufig und erfolgreich funktioniert, wie die Macher der Reihe suggerieren, muss das Unfassbare umso entschiedener bekämpft werden. Doch das sogenannte Cyber-Grooming ist bereits strafbar; Paragraf 176 des Strafgesetzbuches sieht bis zu fünf Jahre Haft vor. Wozu also die "Das dürfen wir doch nicht zulassen"-Rhetorik der Ministergattin?

Die Aufklärung, um die es den Machern vorgeblich geht, fällt in dem TV-Format jedenfalls denkbar klein aus. In Sekundenschnipsel zerhackte Expertensätze gehen im Rausch der atemlos inszenierten Jagd unter, wir sollen uns gruseln. Kein Wort darüber, dass nicht der Online-Onkel die größte Gefahr für Kinder darstellt, sondern die realen Verwandten und Bekannten.

Entscheidend aber ist: Zu beurteilen, inwieweit eine Straftat vorliegt, bleibt Aufgabe (und Pflicht) der Justiz. Man kann kritisieren, dass Ermittler nicht über genügend Ressourcen verfügen oder Richter den Strafrahmen nicht ausschöpfen. Wenn aber Journalisten und Kinderschützer mit missionarischem Eifer die Hatz selbst in die Hand nehmen, grenzt das an Selbstjustiz. Und wenn, wie geschehen, ein "Sex-Ekel" (Bild) dabei öffentlich an den Pranger gestellt wird, ist das mehr als ein Kollateralschaden der guten Sache. Es ist erstaunlich, dass Verteidiger des liberalen Rechtsstaats hierzu nicht nur schweigen – sondern der Bürgerwehr auch noch applaudieren.

Christian Denso, 39, ist Redakteur im Politischen Ressort der ZEIT