Sein Hauptproblem im Moment: die Soßenvermeidung. Denn dicke Tunke, musikalische, vertragen seine Songs eigentlich nicht. Sie sind Kleinode, geboren aus unsingbaren Wörtern wie Meisenknödel, Solarpaneele oder Stiftung Warentest, zusammengehalten von Reimen, in denen ein Averna mit Johannes B. Kerner zusammenklingt, überwölbt von einer Liebe zum einzelnen Laut, die aus dem ü in Thüringen eine Bach-Arie macht. Einen »kleinen Ruhm«, so nennt er das, hat sich Rainald Grebe damit über die Jahre zusammengesungen, alleine am Klavier oder begleitet von der zweiköpfigen Kapelle der Versöhnung, wie Buster Keaton mit starrem Blick im Absurdistan des alltäglichen Mittelmaßes stehend. Seine Anti-Hymne Brandenburg (»Im Adlon ist heut Nacht Hillary Clinton / In Schwedt kann Achim Mentzel das Autohaus nicht finden«) ist fast so etwas wie ein Hit geworden. Doch wo Erfolg ist, wächst die Routine auch, deshalb muss etwas Neues her. Und nun stellt sich das Soßenproblem.

Grebe wagt die für einen deutschen Sänger größtmögliche Annäherung an Céline Dion in Las Vegas: Für die Auftritte im Berliner Admiralspalast von der nächsten Woche an und die Tournee im kommenden Jahr hat er seine Kapelle aufgepumpt zum Orchester der Versöhnung, mit Streichern, einem Bassisten, der auch Alphorn spielt, einem DJ sowie einem Experten für alte Orgeln. Die gießen nun alles, was die Instrumente hergeben, über die Songs, und ob die dann weiterhin funktionieren, weiß Grebe immer noch nicht genau. Seit Wochen schon friert er sich bei den Proben im untermotorisierten Friedrichshainer Punkclub Lovelite die Finger ab, aber fertig ist nichts. »Sobald Pop und Rock einziehen, gibt es ein Humorproblem«, sagt er bei einer Aufwärmpause im Feuermelder, der Kneipenhöhle ein paar Ecken weiter, wo er ungestört seine Raucherkette verlängern darf. »Pop ist per se nicht lustig, da geht es um Coolness.« Ihm aber sind die absurden Brüche wichtig, die Achterbahnfahrt vom Chanson hinab zum grabestiefen Pathos hinauf zur mädchendünnen Kopfstimme. Oft klingen seine Lieder, als erfinde er sie erst im Moment des Vortrags. Kriegt man diese Art von hart geprobter Spontaneität auch mit großem Apparat hin?

Geboren wurde die Orchester-Idee vor zwei Jahren, als Grebe für den Admiralspalast eine Berlin-Revue machen sollte. Daraus wurde nichts, Geldprobleme, es blieb die Show-Idee, statt Schlangenbeschwörern nun Streichquartett plus X. Zwölf neue Songs hat Grebe dafür geschrieben, nach bewährtem, vogelwildem Verfahren: jeden Einfall auf Zetteln notieren, den Fundus in der Wohnung verteilen und darin herumstreunen, »dementsprechend sieht es bei mir zu Hause aus«. Alles ist Material, eine Anzeige, eine Phrase auf Spiegel Online , die Fernsehflut, der er sich nach acht Jahren TV-Entzug wieder gestellt hat. Sogar eine Fernreise hat Grebe eigens unternommen, nach Afrika; Aufbruch, was Neues, die Flucht aus den Routinen des Älterwerdens sind zum untergründigen Thema des neuen Programms geworden. »Ich sauge alles an, dann ein Satz, ein Treffer, und plötzlich ist es ein Song.« Der heißt dann zum Beispiel Handtaschentanz im Haus der Kulturen der Welt, denn den hat er gesehen, gerade aus Afrika zurück. »Frauen tanzten zu einem kubanischen DJ, wollten aber ihre Taschen nicht abstellen, weil sie Angst hatten, es wird was geklaut.«