DIE ZEIT: Noch hat es keine ostdeutsche Hochschule geschafft, Exzellenz-Universität zu werden. Liegt das auch an den radikalen Umbrüchen in der Wissenschaft nach der Wiedervereinigung, die erst einmal verkraftet werden mussten?

Peer Pasternack: Zunächst sind es die Nachwirkungen aus 40 Jahren deutscher Teilung, die den Hochschulen Probleme gemacht haben. Nach 1990 fehlte es den ostdeutschen Universitäten an Reputation. Man wusste im Westen, dass es auch dort Hochschulen gibt, aber man kannte ihre spezifischen Stärken nicht. Deswegen waren sie für viele gute Wissenschaftler nicht zwingend das Ziel einer akademischen Karriere. Und sind heute das, was deutschschweizerische Universitäten im 19. Jahrhundert waren: sogenannte Erstberufungshochschulen. Dahin geht man als junger Professor auf seine erste Stelle und sieht zu, dass man etwas Besseres findet. Dadurch fehlt es an Stabilität bei den Leistungsträgern an ostdeutschen Universitäten.

ZEIT: Im Jahr 1990 sprach der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hans Zacher, von der »ostdeutschen Forschungswüste«. Das empfanden viele als Beleidigung.

Pasternack: Das war eine konkurrenzpolitische Aussage. Er wollte sich vor ostdeutschen Mitbewerbern um Forschungsmittel schützen. Die Akademien der Wissenschaften in der DDR hatten immerhin 27.000 Mitarbeiter. Zacher wünschte eine Filetierung dieser Akademien, das Herausschneiden der besten Abteilungen und deren Integration in die Max-Planck-Gesellschaft. Seine Aussage hat damals zwar viele empört, aber er wollte damit vor allem seine Ziele erreichen. Später wurde sie relativiert, indem man von Oasen sprach, die es auch in der Forschungswüste gebe.

ZEIT: Nicht nur die Akademien der Wissenschaften wurden aufgelöst, sondern auch viele Abteilungen an den Hochschulen. Was verschwand da, was man hätte bewahren können?

Pasternack: Einzelne Bereiche hätten sicher eine Chance verdient gehabt. Etwa die Forschung zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges, zur Französischen Revolution, Bereiche in der Literaturwissenschaft, in der Linguistik, in der Kunstgeschichte. Zudem war es unklug, manche Strukturen nicht zu bewahren, nur weil man sie im Westen nicht kannte. So musste der wissenschaftliche Nachwuchs in der DDR grundsätzlich eine hochschulpädagogische Ausbildung absolvieren. Die war zwar politisch kontaminiert, aber jenseits dessen wurde didaktisches Handwerk vermittelt. Jetzt baut man eine hochschuldidaktische Ausbildung wieder auf. In Ost wie West.