Die Avenue Foch ist eine dieser Zielgeraden Richtung Arc de Triomphe. Kurz bevor sie auf die Hauptachse Champs-Élysée–Charles de Gaulle trifft, die vom alten ins neue Paris führt, öffnen sich zuerst zwei Eisenpforten, dann eine schwere Eichentür.

In pastellfarbenen Kniestrümpfen, hoch geschürztes Röckchen, toupiertes Haar steht sie da, den Twiggy-Blick mit schwarzem Kohlestift sternförmig um die Augen fixiert – Véronique, 68 Jahre. »Mein Mann erwartet Sie schon!«

Ihr Mann, Wolf C. Hartwig, schlurft im seidenen Morgenrock Richtung Wohnzimmer: bordeauxrote Samtgarnitur, auch sonst viel Rot und Goldborten, teure Whiskys. In den Regalen Fotos, drei Goldene Leinwände, ein Bambi. Im Hintergrund blitzt, durch eine halb geöffnete Flügeltür, ein ausladendes, ebenfalls in Rot und Gold gehaltenes Schlafgemach, großes Doppelbett. Hartwigs Wohnung ist ein Museum, das davon erzählt, wie er vor 40 Jahren die deutschen Kinos füllte.

Da war zum Beispiel, Zitat, »Renate, 18 Jahre«, die auf der Klassenfahrt zum Kraftwerk den »physikalischen Zusammenhängen der Wärmeerzeugung« nachspürte – mit dem Busfahrer auf der Rückbank. Oder »Heike, 16 Jahre«, die dem Pfarrer im Beichtstuhl von ihren »acht Mal von hinten und drei Mal von vorn« erzählte, oder »Marlene, 17 Jahre«, die nach der Sportstunde Schwierigkeiten hatte, »die Beine zusammenzuhalten«. Da gab es plötzlich Dinge zu sehen und zu hören, die man vor dem 23. Oktober 1970 nicht für möglich hielt, als der »Jugendpsychologe Dr. Bernauer« erstmals auf der Leinwand erschien, bedeutungsschwer an seiner Zigarette sog und klarstellte: »Unsere Mädchen verstehen die neue Sexualmoral als substanziellen Bestandteil ihres Selbstbewusstseins.«

Am Montag nach dem Kinostart von Schulmädchen-Report – Was Eltern nicht für möglich halten ließ sich Hartwig die Besucherzahlen von 90 Kinos kommen und sagte: »Come on, let’s go, nächster Teil!« So entstanden insgesamt 13 Filme aus lose zusammengeschusterten Episoden, in denen »heiße Feger« aus München und Umgebung mit ihren Lehrern, Bademeistern, Freundinnen oder Großvätern herumturnten. Zur Not musste der Rüssel eines Stoffelefanten herhalten. Der Schulmädchen-Report war der erfolgreichste deutsche Kinoexport der Siebziger, in 38 Sprachen, übersetzt, 100 Millionen Zuschauer weltweit.

»Schauen Sie«, sagt Hartwig, »damit bin ich über Nacht zum Millionär geworden, gleich der erste Film hat sechs Millionen eingespielt, das gab es noch nie und wird es auch nicht mehr geben!« Er lässt sich auf die Samtcouch sinken, ein Bein macht ihm Kummer: »Sie wissen, wie alt ich bin?« 1919 geboren, »biblisches Alter, alle anderen aus der Zeit sind längst weg vom Fenster!«.

Véronique ordert beim Concierge Champagner, der Millionär hebt den Zeigefinger: »Der Titel Schulmädchen-Report ist fabelhaft, er hat etwas Mystisches. Was ist das?« Er flüstert in diesem rheinländischen Adenauer-Singsang, »das war ja großteils noch diese total verklemmte Einstellung damals: Nach außen den Heiligen spielen und sich heimlich fragen, was machen die Mädchen nach acht unter der Bettdecke? Terra incognita!«

Es war die Zeit, da Gynäkologen mit einem Memorandum gegen die Pille vor den Bundestag zogen, um zu verhindern, dass »alle deutschen Frauen zu Huren werden«. Mit dem Aufklärungsfilm Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens hatte das Gesundheitsministerium zwar 1968 eine Goldene Leinwand gewonnen, aber auch viele Einsätze des Roten Kreuzes provoziert, weil bei den Geburtsszenen reihenweise Männer aus dem Kinosessel kippten. Währenddessen erklärte Oswalt Kolle dem »unbekannten Wesen« Frau anhand von Holzpuppen, dass »Lust auch lustig« sein kann (»Denken Sie sich einfach, das Glied wäre eine Eistüte oder ein Zuckerlolli!«).