Als sich vor genau 100 Jahren die neu gegründete Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) zu ihrer ersten Tagung in Frankfurt versammelte, hatte ihr Spiritus Rector Max Weber Großes vor: Mit einer »Presse-Enquete« wollte er die Massenmedien und ihre mentalitätsprägende Macht entzaubern. Dieses gigantische Projekt – heute würde man so etwas als »Sonderforschungsbereich« oder »Exzellenzcluster« ausloben – war prall voll ambitionierter Fragestellungen: zur Finanzierung und Nachrichtenbeschaffung der Zeitungen und zur Tendenz (»Gesinnung«) in der Berichterstattung, zu Problemen journalistischer Praxis und schließlich sogar zu dem, was man später »Medienwirkungen« genannt hat. In dieser Form hatte vor ihm noch niemand über die Funktionen und Folgen des Journalismus nachgedacht. Das atemberaubende Forschungsprogramm wies den großen Soziologen auch hier als visionären Beobachter der Moderne aus.

Mit seiner großen Studie wollte Max Weber die neue Disziplin Soziologie als »Wirklichkeitswissenschaft« präsentieren, um ihr gleich akademische Reputation zu verschaffen. Es gehe nicht darum, den Zustand der deutschen Presse zu bewerten, sagte er in seinem »Geschäftsbericht« bei der Eröffnung der Veranstaltung am 20. Oktober 1910. Kleinteilige empirische Forschung sei gefragt. Bei der Untersuchung von Zeitungsinhalten etwa müsse man »ganz banausisch« messen, und zwar »mit der Schere und dem Zirkel«. Das Gelingen der Studie hatte für Weber prinzipielle Bedeutung. Diese Sache müsse »auf die Hörner genommen« werden, beschwor er vorher seinen Kollegen Franz Eulenburg, der die Leitung übernehmen sollte. Es wäre ein »Eingeständnis der Impotenz der Soziologie«, wenn sie dieses zentrale Thema als läppisch abtun würde. So etwas könne aber nur als »Kollektivarbeit von Gehirnen« umgesetzt werden, war er überzeugt.

Doch dann lief für Weber in Frankfurt so ziemlich alles aus dem Ruder; dieser erste Deutsche Soziologentag, bei dem die Soziologie ihre Visitenkarte als »Tatsachenwissenschaft« abgeben sollte, wurde zum Desaster. Hinterher klagte Weber in Briefen über »thörichte«, gar »skandalöse« Debatten und einen überforderten Versammlungsleiter. Auch seine eigenen Beiträge hätten sich »auf ganz niedrigem Niveau« bewegt. Vor allem aber: Bei seinem Herzensanliegen, der »Werturteilsfreiheit« von Erfahrungswissenschaft, fühlte er sich von den Kollegen im Stich gelassen. Der Streit über dieses Thema sollte die deutsche Soziologie dann über Jahrzehnte weiter begleiten.

Monatelang hatte Max Weber vorher alles getan, damit das Fach einen tollen Start hinlegen konnte: mit zuckersüßen Briefen um prominente Kollegen geworben, das Statut der DGS festgezurrt, Geldquellen aufgetan und dabei selbst keine Ambitionen auf irgendwelche Spitzenämter in der scientific community angemeldet. Besonders wütend war Weber deshalb auf die Stars der neuen Disziplin – Werner Sombart, Georg Simmel und Ferdinand Tönnies, jenen Frankfurter Tagungspräsidenten. Jeder von ihnen hatte aus Eitelkeit den Vorsitz der DGS für sich beansprucht, sodass man schließlich ein Triumvirat an der Spitze etablieren musste. Sie alle waren Nichtordinarien, die sich in ihren Fächern nicht so richtig etabliert hatten.

»Degoutiert von diesem »Salon des Refusés« sei er gewesen, berichtete Webers Frau Marianne später in der Biografie Ein Lebensbild, die 1926 erschien. Keiner von denen, die sich in der Wissenschaft unterprivilegiert, aber als »Schöpfer moderner Soziologie« fühlten, sei bereit gewesen, für gemeinsame Forschung einen Finger zu krümmen. Auch die Finanzierung für die teure Presse-Studie, die durch intensives money raising Webers gesichert schien, stand nach der Tagung wieder auf der Kippe. Bald verließ Max Weber den Vorstand der DGS; 1914 kündigte er dem Verein, den er mitgegründet hatte, die Mitgliedschaft auf.

Leopold von Wiese, Nestor der Kölner Soziologie, erinnerte sich Jahrzehnte später zwar an »längere und fesselnde Ausführungen« Max Webers beim Soziologentag. Mit der »Presse-Enquete« habe er der Versammlung »ein verlockendes Programm« unterbreitet. Doch das »Bohren harter Bretter« sei halt seine Sache nicht gewesen, wie das Scheitern des Projektes bewiesen habe.

Dieses Urteil war ungerecht. Max Webers Briefe aus jener Zeit zeigen, dass er alles versuchte, um die Studie zu realisieren. Hartnäckig hatte er führende Vertreter der Presse um Unterstützung gebeten. Sogar eigenes Geld wollte er in die große Studie investieren. Bei der Durchführung sollten die besten Fachleute mitwirken, wie etwa der als Presse-Statistiker ausgewiesene Hjalmar Schacht, später Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister im »Dritten Reich«. Adolf Koch (Heidelberg), den ersten deutschen Journalistik-Professor, wollte er jedoch nicht dabei haben.