Das 19. Jahrhundert ging in Deutschland spät zu Ende. Erst der 9. November 1918 fegte die alte Welt beiseite: Der Krieg war verloren, dem Kaiser wurde gekündigt, die Republik ausgerufen und der SPD-Chef Friedrich Ebert zum Reichskanzler bestimmt. Allerdings waren die Dynastien – von den Hohenzollern in Preußen bis zu den Wettinern in Sachsen und den Wittelsbachern in Bayern – nur verjagt, nicht ersetzt. Die bürgerlichen Parteien zeigten sich verkümmert, von Kiel aus zogen Matrosenabordnungen durchs Reich, in Berlin gingen Hunderttausende auf die Straße, allerorts bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Wohin sich das neue Deutschland wenden, welche Gestalt es annehmen würde, war nicht abzusehen.

Ausgerechnet einem Berliner Lokalpolitiker und randständigen Gelehrten blieb es vorbehalten, dem republikanischen Aufbruch die Richtung zu weisen: Hugo Preuß. Fünf Tage nach dem Beginn der Revolution brachte er im Berliner Tageblatt die programmatische Debatte auf eine griffige Formel: »Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat« – dazwischen müsse sich das Reich nun entscheiden. Und Preuß ließ keinen Zweifel daran zu, für welche Variante er eintrat. Er, der selber noch 1917 die Monarchie für reformierbar gehalten hatte, schreckte jetzt nicht davor zurück, der Revolutionsregierung die Fortsetzung des untergegangenen Obrigkeitssystems mit anderen Mitteln vorzuwerfen. Das deutsche Bürgertum müsse endlich »Schlappheit und Servilität« ablegen und sei dann an der Neuorganisation des Staatswesens gleichberechtigt zu beteiligen, wolle man nicht in bolschewistischen Terror abgleiten. Nur das gesamte deutsche Volk könne durch die Wahl einer Nationalversammlung die Grundlagen eines demokratischen Volksstaates schaffen, der Reaktion und Klassenkampf gleichermaßen widerstehen würde.

Preuß’ Programm war klar: Aus dem alten Kryptoabsolutismus sollte Volksherrschaft werden. Visionäre Kraft verband sich hier mit politischem Pragmatismus, nüchterne Analyse mit mitreißendem demokratischem Schwung. So geriet er, ohne es gewollt zu haben, in eine historisch erstaunliche Rolle: Die Revolution verhaftete ihren Kritiker nicht, sondern bestellte ihn zu ihrem Anführer. Am 15. November 1918, einen Tag nach dem Erscheinen seines Artikels, wurde Preuß von Ebert zum Staatssekretär im Innenministerium berufen – und mit der Ausarbeitung der neuen Verfassung betraut.

Nach drei Wochen ist das große Werk vollendet

Ein derartiges Maß an demokratischer Leidenschaft war für einen preußischen Staatsrechtslehrer und Politiker völlig ungewöhnlich. Herkunft und Lebensweg indes erklären diese Haltung nicht. Hugo Preuß war das einzige Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie, am 28.Oktober 1860 wird er in Berlin geboren. Sein Vater Louis stirbt im selben Jahr, die Mutter heiratet dessen Bruder Leopold, einen reichen Getreidehändler. Er bietet dem Jungen eine behütete Kindheit. Die beiden verbindet ein enges Verhältnis, er macht den Heranwachsenden mit dem politischen Liberalismus vertraut.

Ohne besondere Neigung, das familiäre Vermögen weiter zu vermehren, beginnt der junge Mann 1879 in Heidelberg das Jura-Studium; die drei Semester dort bleiben die einzige längere Periode, die er außerhalb Berlins verbringt. Dabei ist für einen wie ihn gerade in Preußen kein Platz: Von Haus aus mit materieller und geistiger Unabhängigkeit ausgestattet, zeigt sich Preuß gegen Autoritäten zu keinerlei Konzessionen oder Kompromissen bereit. Seine Richtschnur bleibt die eigene Überzeugung. 1883 legt er sein Staatsexamen ab, wird im selben Jahr in Göttingen mit einer Pflichtübung im Römischen Recht promoviert und beginnt einen glücklosen Referendardienst am Berliner Kammergericht, den er ohne Abschluss gegen eine äußerlich ebenfalls glücklose akademische Karriere eintauscht.

1890 heiratet er Else Liebermann, zu deren Verwandtschaft Max Liebermann und Walther Rathenau gehören. Das Paar führt ein weltoffenes Haus in der Matthäikirchstraße, wo sich heute die Philharmonie befindet; für die Sommermonate steht eine Villa am Wannsee bereit. Freunde berichten von einer harmonischen Ehe und zeichnen von Preuß das Bild eines lebensfrohen und humorvollen Mannes – dessen Gemütlichkeit Faulheit zu nennen nicht gerecht wäre, ihn selbst aber am wenigsten gestört haben dürfte. Denn so gern wie über andere spottet er über sich selbst.