Aachen hat einen ganz besonderen Duft. Die Stadt von Karl dem Großen riecht mal nach Printen, Schokolade oder Marmelade, mal nach höllischem Schwefel. Die Legende erzählt, dass dem König der Franken und späteren Kaiser bei der Jagd in der Aachener Umgebung plötzlich ein strenger Geruch in die Nase gestiegen sei, ähnlich dem von faulen Eiern. Er war auf die heißen schwefelhaltigen Quellen gestoßen, die Aachen weltbekannt machen sollten.

Seit etwa einem Jahr jedoch steigt den Aachenern ein neuer Duft in die Nase, der sie ratlos macht. Eigenartig-modrig riecht es zeitweise in der Kurstadt; durch die Luft zieht ein Geruch, der sich in der Kleidung festsetzt und Ekelgefühle erzeugt. Um ihn wieder loszuwerden, haben die Stadtväter nahezu alles Menschenmögliche unternommen: Kanäle wurden gespült, mit dem Videowagen durchfahren, Luftproben entnommen, Spezialinstitute beauftragt, »Geruchserfassungsbögen« an die Anwohner ausgeteilt und sogar ein »Arbeitskreis Gestank« gegründet. Geholfen hat alles nichts. Noch immer steht Aachen vor einem olfaktorischen Rätsel. Und selbst die Wissenschaft scheint ratlos. 

Ende September schien sich die Wende anzudeuten. »Das Rätsel um den mysteriösen Gestank steht möglicherweise kurz vor der Aufklärung«, gab die Stadtverwaltung bekannt. Seitdem herrscht Funkstille. Während die Aachener gespannt auf die Lösung warten, hüllen sich die Behörden in Schweigen. Auf Nachfragen der Medien reagieren sie eher verschnupft. »Für ein räumlich begrenztes Phänomen« seien die Schlagzeilen zu negativ gewesen, heißt es. Weitere Stellungnahmen wolle man nicht abgeben, nur so viel: »Es gibt eine heiße Spur.« Bevor diese nicht eingehend geprüft worden sei, werde nichts verraten.

Begeben wir uns also auf Spurensuche. Tatort: Kreuzung Prager Ring/Jülicher Straße im Nordosten der Stadt. Von hier ging der Mief aus. »Dieser Gestank war der reinste Wahnsinn«, sagt eine ältere Frau, die in einer Wohnsiedlung nahe der Kreuzung wohnt. Man sei den Geruch einfach nicht mehr losgeworden. Wonach es roch? »Irgendwie modrig. Nach nassem Putzlappen oder so.« Die Brotverkäuferin nebenan erzählt von »etwas Undefinierbarem«. Es wehte einen an, sobald man die Kreuzung passierte – zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei Wind und Wetter. Der Geruch kam und ging, manchmal war er kaum wahrzunehmen, an anderen Tagen umso heftiger. Einmal sei er für einige Wochen verschwunden, um kurze Zeit später doch wieder um die Häuser zu wehen.

Heute riecht es hier zwar wie an jeder Straßenkreuzung. Doch die Anwohner an Prager Ring und Jülicher Straße trauen dem Frieden nicht. Ist möglicherweise morgen der Gestank wieder da? Und was dann? Bis Redaktionsschluss dieser Zeitung wartete Aachen jedenfalls noch immer auf die angekündigte Aufklärung durch die Stadt.

Dabei hat die Wissenschaft wirklich alles unternommen, die Sache zu enträtseln. Diversen Experten gelang es sogar, den Geruch ins Labor zu tragen, mal mit entsprechenden Luftproben, mal mit kontaminierter Kleidung. Die Ursache des Geruchs aber konnten sie nicht identifizieren. »Es ist kaum zu glauben«, sagt Manfred Möller vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der RWTH Aachen, »es ist einfach nur ärgerlich!«