Wirklich schade, dass nicht irgendwo die altehrwürdige Zentrale der Dämmstoffindustrie abgerissen werden soll. Dann kämen gewiss viele Tausend Mut- und Wutbürger von nah und fern, um lauthals zu demonstrieren. Doch anders als sonst würden sie den Abriss nicht beklagen. Sie würden ihn lauthals bejubeln.

Lange war der bundesdeutsche Mensch durchaus geduldig: Er war ein Freund der Umwelt, sammelte fleißig Altglas und Altpapier und hatte, nach anfänglichem Murren, auch gegen Energiesparlampen nicht viel einzuwenden. Neuerdings aber spricht der bundesdeutsche Mensch von Öko-Diktatur. Neuerdings fühlt er sich überwacht und gegängelt – und nicht zuletzt die Dämmstoffindustrie ist daran schuld.

Sie profitiert am meisten von den Auf- und Umrüstungsplänen der Bundesregierung , die spätestens bis zum Jahr 2050 sämtliche Gebäude energiedicht machen möchte. Noch sind die 38 Millionen Wohnungen mit ihren CO₂-Emissionen nicht weniger klimaschädlich als die Autos, die an ihnen vorbeifahren. Das aber soll sich ändern: durch bessere Fenster und effizientere Heizkessel, vor allem aber durch dicke Dämmplatten auf den Außenwänden. Von den erheblichen Kosten für die Rundumisolierung dürfen elf Prozent jährlich auf die Mieter eines Gebäudes abgewälzt werden – eine Nachricht, die viele Menschen in den vergangenen Wochen sehr empört hat.

Dabei liegen die wahren Kosten noch weit höher, als die meisten ahnen. Es sind Kosten, die sich nicht beziffern lassen. Denn es geht um immaterielle Werte, es geht um Schönheit. Sie ist das erste Opfer der Öko-Diktatur.

Schon heute leiden viele Menschen darunter, dass ihre Dörfer und Städte so gestaltlos und hässlich sind. Künftig werden sie wohl nur noch mit extradicken Sonnenbrillen die Straße betreten, um den Anblick ertragen zu können. Ähnlich wie die Energiesparlampen ihre Gefühlskälte in den Wohnungen verströmen, verbreitet die Dämmstoffästhetik eine Atmosphäre, in der alles Lebendige zu verkümmern scheint. Da mögen sich die Fassadenmaler noch so viel Mühe geben und die frisch verpackten Häuser in liebliches Lavendel oder stimmungsvolles Apricot tauchen – für das Auge bleiben diese Wände stumpf.

Das Wort Fassade leitet sich ab vom lateinischen facies, Angesicht. Wer vor einem Haus steht, der sieht nicht allein Steine, Fenster oder Ornamente. Er möchte ein Gesicht sehen, einen inneren Ausdruck. Ein gedämmtes Gebäude aber gleicht einem vermummten Menschen, dem man unter seiner Kapuze kaum mehr ins Gesicht schauen kann, erst recht nicht, wenn er wie Skifahrer oder Bankräuber eine Wollmaske trägt. Die Bundesregierung möchte solche Wollmasken für alle. Sie hat bereits mehr als sieben Milliarden an Fördergeldern dafür ausgegeben.

Wenn das so weitergeht, werden sich viele Städte schon bald nicht mehr wiedererkennen. Sie werden, wie es sich in einer Diktatur gehört, aller Eigenarten beraubt und auf Gleichmaß gebracht. Unter ihrer Uniform aus Kunststoff verschwindet jeder Sinn für Detailliebe und feine Proportionen. Besonders die norddeutschen Städte bekommen das zu spüren. Ihre Häuser aus Backstein mögen auf den ersten Blick recht gediegen, manchmal auch ungeschlacht wirken. Sobald aber ein wenig Sonne auf die Fassaden fällt, beginnen die abertausend Klinkersteine ihr changierendes Spiel aus Rot-, Blau- und Ockertönen. Anders als bei vielen Gründerzeitbauten gibt es hier keine angeklebten Stuckornamente. Raffiniert entwickelt sich der Bauschmuck aus dem Verbund der Steine, die Großform und die Kleinform lassen sich nicht trennen.

Selbstverständlich interessiert sich die Dämmstoffindustrie nicht für solche Subtilitäten. Sie begräbt das Klinkerspiel unter ihren Plastikplatten und klebt bestenfalls noch ein paar Backsteintapeten davor, Riemchen genannt. Doch Riemchen glänzen nicht, changieren nicht. Alles, was unregelmäßig war, wird regelhaft und öde.