So viel Geduld hat keiner: Im Winter ist es der Schnee , im Sommer die Hitze , mal sind es die Achsen , ein andermal die Klimaanlagen . Und jetzt auch noch Streik! Am Dienstag legten 1700 Eisenbahner quer durch die Republik ihre Arbeit nieder, mehrere Hundert Züge fielen aus, Stellwerke waren lahmgelegt, Tausende Menschen kamen zu spät zur Arbeit, vor den Serviceschaltern in den Bahnhöfen bildeten sich Schlangen. Auch zahlreiche ICE-Strecken waren betroffen, obwohl die Warnstreiks nur dem Regionalverkehr galten. Schuld an dem Chaos war diesmal aber nicht die Bahn, sondern ein Konflikt, den die Gewerkschaften unnötig eskalieren lassen. Zeitpunkt, Ziel und Mittel sind unangemessen.

Aber der Reihe nach: Die beiden großen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA verhandeln seit Monaten mit der Deutschen Bahn sowie mit sechs privaten Unternehmen, die regionalen Bahnverkehr anbieten (Abellio, Arriva, Benex, Hessische Landesbahn, Keolis und Veolia Verkehr). Im Zentrum der Gespräche steht ein Branchentarifvertrag . Die Gewerkschaften verlangen, dass alle Eisenbahner im Nahverkehr, egal, ob sie beim Marktführer oder bei den privaten Betreibern angestellt sind, die gleichen Löhne erhalten.

Das klingt vernünftig. Denn der Wettbewerb im liberalisierten Nahverkehr wird zunehmend auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Die Privatbahnen zahlen mitunter 20 Prozent weniger Lohn als der Staatskonzern. Der reagiert mit der Gründung von Billigtöchtern, die nicht tarifgebunden sind. Nur so, heißt es aus dem Bahn-Tower, könne man sich gegen die Konkurrenz zur Wehr setzen und den Verlust von Marktanteilen verhindern.

Diesem Unterbietungswettbewerb muss Einhalt geboten werden! Darüber sind sich auch alle einig. Egal, wie sie es nennen, anders als bisher soll es eine gemeinsame Lohnuntergrenze geben.

Und jetzt beginnt der Wahnwitz: Die Deutsche Bahn könnte mit der Forderung der Gewerkschaft – gleicher Lohn für alle – gut leben. Doch nur die viel kleineren Privatbahnen lahmzulegen bringt den Gewerkschaften nicht das, was sie in jedem Streik brauchen: die Aufmerksamkeit der Medien. Legen sie nur die Strecke zwischen Neustrelitz und Stralsund lahm, kommt kein Kamerateam.

Wahnwitz Nummer zwei: Selbst die privaten Unternehmen haben im Grunde nichts gegen einen Branchentarifvertrag. Sie wehren sich aber gegen einen, der ihnen keinen Spielraum lässt und ihnen überall die gleichen Gehälter diktiert wie beim Staatskonzern. Und das tun sie zu Recht. Wenn die Löhne überall gleich wären, dann wäre die Deutsche Bahn wegen ihrer Größe bei jeder Ausschreibung im Vorteil: Als hundertprozentiges Staatsunternehmen kann sie sich viel billiger frisches Geld besorgen, sie kann größere Investitionen stemmen und auf eine große Fahrzeugflotte zurückgreifen. Die Privaten hätten der Übermacht des Bahnkonzerns dann wenig entgegenzusetzen. Vom gerade geschaffenen Wettbewerb im Nahverkehr wäre dann nicht mehr viel übrig. Das Nachsehen hätten am Ende die Bahnfahrer.