Auf die Frage: "Entschuldigen Sie bitte, wo geht’s denn hier zur Universität?", reagiert die ältere Dame auf dem Bahnhofsvorplatz verdutzt. Sie schaut erst nach links, dann nach rechts, legt den Finger auf den Mund, grübelt. "Ich weiß nicht", sagt sie. "Das ist eine schwierige Frage." Spätestens zehn Minuten nach der Ankunft in Lund, der Stadt im Süden Schwedens, wird einem klar, dass es keine schwierige Frage war, sondern eine bescheuerte. Denn in Lund gibt es keine Universität. Lund ist eine Universität. 100.000 Menschen wohnen hier, gut 50.000 davon sind Studenten oder Angestellte der Universität.

In der Altstadt reihen sich die Fachwerkhäuser aneinander, die Straßen sind aus Kopfsteinpflaster, die Bäume alt und hoch. Die Stadt könnte auch ein Kurort sein. Doch irgendwo hier, hinter den niedlichen Fassaden, muss sie sich verstecken, die universitäre Elite Europas, die exzellente Lehre, die Spitzenforschung.

Lund mag nicht so bekannt sein wie Oxford oder Cambridge, doch im aktuellen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) steht die Universität Lund mit genau diesen Topunis in einer Reihe. Die Untersuchung des CHE konzentrierte sich dieses Jahr auf die naturwissenschaftlichen Master- und PhD-Studiengänge, und Lund wurde gleich in allen vier untersuchten Disziplinen – Chemie, Biologie, Physik und Mathematik – als exzellent eingestuft. Gerade die Fachbereiche Biologie und Physik überzeugten durch eine hohe Studentenzufriedenheit und aufsehenerregende Forschung.

Die Frage ist: Wie macht die Universität das? Die Antwort hat zumindest nicht ausschließlich etwas mit Geld zu tun, das ist das Schöne. Das Erfolgsrezept ist einfach und basiert auf drei Säulen. Tomas Brage beschreibt die erste, sie hat mit Stimmung zu tun. Der Physikprofessor arbeitet seit 14 Jahren in Lund. Er trägt einen roten Pulli, hat gräuliche, halblange Haare und eine kuriose Theorie: Brage glaubt, dass die Wurzeln des Erfolgs in Lund nicht nur in dem Lasercenter liegen oder dem Nanolabor und den anderen Hightechanlagen, die nur wenige Gehminuten vom historischen Zentrum entfernt stehen. Fragt man Tomas Brage nach dem Geheimnis der Universität, dann verweist er auf einen Haufen roter Zwiebeln. Denn es ist Mittwoch. Und mittwochabends wird im Physikinstitut in Lund gekocht, getrunken, gefeiert. "Die Studenten fühlen sich hier zu Hause", sagt Brage. Und er scheint fest davon überzeugt zu sein, dass die erfolgreiche Forschung in einem direkten Zusammenhang mit den jungen Frauen steht, die in der kleinen Cafeteria des Physikinstituts sitzen und Zwiebeln schneiden.

Mit dieser Überzeugung steht er nicht alleine da. Eine Studentin aus Deutschland schwärmt von der Mentalität an der Uni, der Gemütlichkeit, ein anderer Student erzählt vom freundschaftlichen Verhältnis zu den Dozenten. Ein Biologieprofessor spricht auf die Frage, warum Lund so erfolgreich ist, zuerst übers Kaffeetrinken. In Lund scheint es klar zu sein, dass wissenschaftliche Exzellenz elementar von der Qualität der Pausen abhängig ist.

"Wir sind das größte Physikinstitut in Schweden", erklärt Physiker Brage, "größer als Nummer zwei, drei und vier zusammen." Das bringe Effizienzvorteile. "Aber es birgt auch die Gefahr, dass die Studenten untergehen." Daher sei das mit der Stimmung so wichtig.

Und die wird nicht dem Zufall überlassen. Im Physikgebäude in Lund gibt es viele kleine Räume statt großer Säle, viele Ecken mit Sesseln und Sofas. Die Universität wirkt nicht edel oder modern, sondern eher altmodisch, aber dafür gemütlich. Die Professoren schauen regelmäßig in der Cafeteria vorbei, quatschen mit den Studenten. Das alles ist Strategie: Dozenten und Studenten sollen hier nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch zusammen leben. Schon Anfänger werden in Forschungsprojekte eingebunden, Jobs als Hilfskraft sind reichlich vorhanden, wer Interesse zeigt, bekommt Interesse zurück. "Die Studenten sollen sich vom ersten Tag an ernst genommen fühlen", sagt Brage. Als Physikprofessor kennt er sich aus mit Kausalzusammenhängen. Und seine Theorie über eine erfolgreiche Universität geht in etwa so: Aus glücklichen Studenten werden motivierte Studenten. Und aus denen wird guter Forschungsnachwuchs.

"In Lund gibt es nicht so ein Konkurrenzgehabe", sagt Randall, Biologiestudent aus Kalifornien. "Die Gruppen sind klein, alles ist weniger stressig." Das liegt auch am Unterrichtssystem: Die Studenten belegen hier nicht sechs, sieben Kurse gleichzeitig, sondern konzentrieren sich in der Regel für mehrere Wochen nur auf ein Thema. "Man taucht so tiefer in das Thema ein", sagt Randall, "es bleibt mehr hängen."