Bachelorstudium "Wir können nicht nur Genies ausbilden"

Wie kommen Musikstudenten mit dem Bachelorstudiengang zurecht? Ein Gespräch mit Christoph Stölzl, Hochschulpräsident in Weimar.

Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

DIE ZEIT: Trauern Sie manchmal den alten Zeiten nach, Herr Stölzl?

Christoph Stölzl: Nein, wieso?

Anzeige

ZEIT: Weil es da noch keine Universitätsreform namens Bologna gab.

Christoph Stölzl

Sein Lebenslauf liest sich wie die Traumkarriere eines Kulturbegeisterten: Christoph Stölzl war Chef des Münchner Stadtmuseums, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums und in Berlin Kultursenator, Parlamentsvizepräsident und CDU-Parteichef. Er hat die Feuilletonredaktion der Tageszeitung »Die Welt« geleitet, Radio- und Fernsehtalkshows moderiert. Seine neue Aufgabe hat ihn – wieder einmal – in eine neue Welt geführt, in die Welt der Bologna-Reform: Seit dem 1. Juli ist der 66-Jährige Präsident der 1872 gegründeten Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar mit 850 Studenten, von denen gut zwei Fünftel aus dem Ausland stammen. Gerade an Kunst- und Musikhochschulen gibt es teils erhebliche Widerstände gegen den Bachelor, doch Stölzl sagt: »If you can’t beat them, join them.«

Stölzl: Klar, als ich studiert habe, lebten wir in einer anderen Welt. In meinem Jahrgang hatten vielleicht sechs Prozent Abitur. Kinder von Rechtsanwälten wurden wieder Rechtsanwälte, das war die Reproduktion der alten Eliten. Nur ab und an schaffte es mal ein besonders kluger Mensch, alle Milieubarrieren zu überwinden und aufzusteigen. Diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei, und ich sage: Gott sei Dank, dass die Lebenschancen jetzt fairer verteilt sind! Andererseits haben auch die Unsicherheiten zugenommen. Als ich zur Universität ging, herrschte ein unendlicher Optimismus.

ZEIT: Der Optimismus der Eliten, die wussten: Wir sind oben, und wir bleiben oben?

Stölzl: Eher der Optimismus einer Generation, für die es in den fünfziger Jahren nur aufwärts ging: von Margarine zu Butter, vom Baden im Ammersee zum Trampen an den Gardasee – und dann hinaus in die weite Welt. Dazu gehörte die Freiheit, nicht unbedingt auf ein sicheres Berufsziel hin zu studieren. Das brauchte man nicht, es gab ja Jobs für alle. So habe ich tausend Sachen neben dem Studium gemacht: fotografiert, gemalt, Theater gespielt, gejazzt. Durch Zufall wurde an irgendeiner Stelle im Leben eine dieser Nebensachen zur passenden Qualifikation. Als ich 1974 Ausstellungsmacher wurde, zahlten sich meine künstlerischen Fähigkeiten aus. Man könnte sagen: Was man sich heute für Credit Points im Studium generale verdienen soll, war in dieser bildungsbürgerlichen Herkunft schon inbegriffen.

Leser-Kommentare
  1. 1. bravo!

    " If you can’t beat them, join them"

    Ich wünschte alle Hochschulpräsidenten und Professoren würden so denken.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service