"Das ist Seide", sagt die Enkeltochter, "richtige Seide" und reicht der Großmutter, die auf Stoffqualität sichtlich großen Wert legt und in jeder Filmszene feste, vermutlich anspruchsvoll zu bügelnde Leinenblusen trägt, ein Kleidungsstück. Die beiden Frauen sitzen an einem kleinen Tisch. Er steht vor dem Fenster des Hauses, in dem Swetlana Geier am Rand von Freiburg lebt. An diesem Tisch diktiert sie vormittags einer Mitarbeiterin ihre Übersetzungen russischer Literatur; in den vergangenen zwei Jahrzehnten Tausende von Seiten der Romane Fjodor Dostojewskis.

Aber jetzt liegt keiner der fünf gewichtigen Dostojewski-Romane, keiner der "5 Elefanten" in ihrem Schoß, sondern das geblümte Kleidungsstück der Enkelin. Fühlt es sich wirklich nach echter Seide an? Swetlana Geier reibt den Stoff zwischen den Fingern und schaut konzentriert geradeaus. Die Enkelin sieht ihr geduldig zu, die Kamera sieht ihr geduldig zu. Und wir, die Zuschauer des Dokumentarfilms Die Frau mit den 5 Elefanten von Vadim Jendreyko aus dem Jahr 2009, erahnen in dieser beiläufigen Szene den Arbeitsalltag und das Arbeitsgeheimnis der 1932 in Kiew geborenen weißhaarigen Übersetzerin: wie sie Texturen erspürt, verinnerlicht, sich aneignet.

Ob es sich um einen Rock oder um einen Roman handelt – es ist der gleiche Vorgang. Wenn Swetlana Geier den Seidenstoff prüft, zeigt sich plötzlich, wie sie die Übersetzbarkeit von Sprache prüft. Wenn sie Zwiebeln schneidet, die Teetasse hält, eine gestickte Tischdecke streichelt, wenn sie, anders gesagt, mit Materiellem umgeht, wird ihr Umgang mit dem Ideellen sichtbar: der Melodie eines Satzes, dem Sinn einer Romangeschichte, der Bedeutung eines russischen Verbs. Geistige Tätigkeit lässt sich im Film ja nicht gerade einfach darstellen.

Von hundert Dokumentarfilmen weichen neunzig in kindische oder abgenutzte Illustrationen aus, setzen Schriftsteller in Kaffeehäuser, stellen Lyriker in den Regen, wenn diese zufällig Regenlyrik verfasst haben. Vadim Jendreyko gehört zu den zehn Ausnahmen, die eine einleuchtende sinnliche Form finden. Natürlich ist Die Frau mit den 5 Elefanten auch ein biografischer Film. Er begleitet Swetlana Geier auf ihrer ersten Reise nach Kiew, wo sie seit 1943 nicht mehr war, er erzählt vom Tod ihres Vaters, der 1939 unter Stalin an den Folgen eines Gefängnisaufenthaltes starb. Und er erzählt vom Tod ihres Sohnes, der sich im Laufe der langen Dreharbeiten ereignete. Aber sein Gelingen verdankt Die Frau mit den 5 Elefanten in erster Linie der filmischen Übersetzung des Geistigen ins Taktile. Ist es wirklich echte Seide? Leicht skeptisch schaut Swetlana Geier die Enkelin an und schweigt.