Seit Menschengedenken herrscht unter Astronomen, Meteorologen, Reifenherstellern und Uhrenbesitzern Uneinigkeit, wann der Winter beginnt: wenn die Sonne ihren mittäglichen Tiefststand über dem Horizont hat, wenn der Dezember anbricht, wenn der erste Schnee fällt oder wenn die Uhren zurückgestellt werden? Bei Franz Schubert beginnt der Winter in Takt 29 eines Lieds mit dem Titel Gute Nacht. Ein Mann ist fremd eingezogen und zieht bald wieder aus, aus der Liebe wird nichts, die Welt ist trübe und »der Weg gehüllt in Schnee«. Die Schritte sind Achtelnoten, die durch das ganze Lied pochen. Sie sind auch der Herzschlag des lyrischen Ichs, das 24 Lieder lang eine Reise ohne Wiederkehr unternimmt – die Winterreise von Franz Schubert, das von Wilhelm Müller zu einem Gedichtzyklus geweitete Psychogramm einer Todessehnsucht.

Es ist die Liebe zu einem Mädchen, die hier stirbt, und der Reisende beschließt in jugendlicher Verzweiflung, eine Straße zu gehen, »die noch keiner ging zurück«. Im Dunkeln werde ihm gewiss wohler sein, singt er am Ende. Schon unterwegs sehnt er sich nach ewiger Ruhe unter dem Lindenbaum, spürt Gefrorene Tränen im Gesicht, sucht im Schnee nach »ihrer Tritte Spur« und hat überdies zahlreiche Halluzinationen: ein Irrlicht, einen Frühlingstraum, Blumen im Schnee, einen freundlichen Postboten, der Briefe von ihr bringt; einmal dient sich ein Totenacker als Ruhestätte an. Einzig eine Krähe und der Wanderstab begleiten den Moribunden. Kurz vor seinem poetischen Hingang erscheinen ihm noch Nebensonnen und ein Leiermann, letzte Fantome bereits jenseits der Realität.

Ein Sänger benötigt intellektuelle Reserven für die Distanzen, die der Zyklus zurücklegt, mehr noch bedarf es seiner Einfühlung in Schuberts Schlichtheit. Obwohl sie so lange dauert wie manche Oper, ist die Winterreise keine, sie hat kaum Ausbrüche, kaum dramatische Prozesse. Schnell zirkulierende Verläufe wie in Erstarrung, die an den Rand der Atemlosigkeit geraten, sind die Ausnahme. Liedhaftes Melos über Schuberts wunderbar dürrem Klaviersatz beschreibt die Atmosphäre einer fast seligen Trostlosigkeit. Die Einstiche der Schmerzen setzt Schubert unter die Haut, nicht in den Muskel.

Lange hat keiner diesen unerhörten Zyklus so ergreifend gesungen wie jetzt der Tenor Werner Güra, so enthusiastisch und mit solch sicherem Gespür für jene Gefährdung, die hier alles und jeden überschattet. Güra, 1964 in München als Sohn eines Tubisten des Staatsopernorchesters geboren, hat sich in den vergangenen Jahren phänomenal entwickelt. Er trifft Schuberts Ton hinreißend, er hat die Träne der Sängerkunst im Knopfloch, den Jubel in der Kehle und weiß doch, dass er das Geviert der intimsten Kammermusik nicht verlassen darf. Herrlich seine Beweglichkeit in der Wetterfahne, geradezu schmelzend die Rührung, die ihn im Rückblick bei der Erinnerung überkommt, da »zwei Mädchenaugen glühten«.

Nachdem Güra ausgerechnet im Eingangslied noch zu viel Detailfreude und manche übertriebene Wortbetonung zum Besten gab, gewinnt seine Winterreise zunehmend an Dichte und zugleich an Reflexion: Hier geht einer sehenden Auges ins Hochmoor der Ausweglosigkeit. Auf einem Rönisch-Flügel von 1872 begleitet Christoph Berner mit der virtuosen Euphorie des Mitwissers und der ernsten Miene eines Vertrauten, der weiß, dass er den Freund nicht aufhalten kann. Berner lässt seine leeren Quinten im Leiermann nicht fallen, sie schleichen und wehen wie ein ewiger Ton durchs Lied, der von einer winterlich verstimmten Friedhofsorgel tönt.

"Winterreise": Werner Güra, Christoph Berner (Harmonia Mundi)