Franz Schuberts "Winterreise"Im Hochmoor der Ausweglosigkeit

Der Tenor Werner Güra überwältigt mit Schuberts "Winterreise" von Wolfram Goertz

Der Winterreisende leidet unter Hallizunationen

Der Winterreisende leidet unter Hallizunationen  |  © Gortincoiel/photocase.com

Seit Menschengedenken herrscht unter Astronomen, Meteorologen, Reifenherstellern und Uhrenbesitzern Uneinigkeit, wann der Winter beginnt: wenn die Sonne ihren mittäglichen Tiefststand über dem Horizont hat, wenn der Dezember anbricht, wenn der erste Schnee fällt oder wenn die Uhren zurückgestellt werden? Bei Franz Schubert beginnt der Winter in Takt 29 eines Lieds mit dem Titel Gute Nacht. Ein Mann ist fremd eingezogen und zieht bald wieder aus, aus der Liebe wird nichts, die Welt ist trübe und »der Weg gehüllt in Schnee«. Die Schritte sind Achtelnoten, die durch das ganze Lied pochen. Sie sind auch der Herzschlag des lyrischen Ichs, das 24 Lieder lang eine Reise ohne Wiederkehr unternimmt – die Winterreise von Franz Schubert, das von Wilhelm Müller zu einem Gedichtzyklus geweitete Psychogramm einer Todessehnsucht.

Es ist die Liebe zu einem Mädchen, die hier stirbt, und der Reisende beschließt in jugendlicher Verzweiflung, eine Straße zu gehen, »die noch keiner ging zurück«. Im Dunkeln werde ihm gewiss wohler sein, singt er am Ende. Schon unterwegs sehnt er sich nach ewiger Ruhe unter dem Lindenbaum, spürt Gefrorene Tränen im Gesicht, sucht im Schnee nach »ihrer Tritte Spur« und hat überdies zahlreiche Halluzinationen: ein Irrlicht, einen Frühlingstraum, Blumen im Schnee, einen freundlichen Postboten, der Briefe von ihr bringt; einmal dient sich ein Totenacker als Ruhestätte an. Einzig eine Krähe und der Wanderstab begleiten den Moribunden. Kurz vor seinem poetischen Hingang erscheinen ihm noch Nebensonnen und ein Leiermann, letzte Fantome bereits jenseits der Realität.

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Ein Sänger benötigt intellektuelle Reserven für die Distanzen, die der Zyklus zurücklegt, mehr noch bedarf es seiner Einfühlung in Schuberts Schlichtheit. Obwohl sie so lange dauert wie manche Oper, ist die Winterreise keine, sie hat kaum Ausbrüche, kaum dramatische Prozesse. Schnell zirkulierende Verläufe wie in Erstarrung, die an den Rand der Atemlosigkeit geraten, sind die Ausnahme. Liedhaftes Melos über Schuberts wunderbar dürrem Klaviersatz beschreibt die Atmosphäre einer fast seligen Trostlosigkeit. Die Einstiche der Schmerzen setzt Schubert unter die Haut, nicht in den Muskel.

Lange hat keiner diesen unerhörten Zyklus so ergreifend gesungen wie jetzt der Tenor Werner Güra, so enthusiastisch und mit solch sicherem Gespür für jene Gefährdung, die hier alles und jeden überschattet. Güra, 1964 in München als Sohn eines Tubisten des Staatsopernorchesters geboren, hat sich in den vergangenen Jahren phänomenal entwickelt. Er trifft Schuberts Ton hinreißend, er hat die Träne der Sängerkunst im Knopfloch, den Jubel in der Kehle und weiß doch, dass er das Geviert der intimsten Kammermusik nicht verlassen darf. Herrlich seine Beweglichkeit in der Wetterfahne, geradezu schmelzend die Rührung, die ihn im Rückblick bei der Erinnerung überkommt, da »zwei Mädchenaugen glühten«.

Nachdem Güra ausgerechnet im Eingangslied noch zu viel Detailfreude und manche übertriebene Wortbetonung zum Besten gab, gewinnt seine Winterreise zunehmend an Dichte und zugleich an Reflexion: Hier geht einer sehenden Auges ins Hochmoor der Ausweglosigkeit. Auf einem Rönisch-Flügel von 1872 begleitet Christoph Berner mit der virtuosen Euphorie des Mitwissers und der ernsten Miene eines Vertrauten, der weiß, dass er den Freund nicht aufhalten kann. Berner lässt seine leeren Quinten im Leiermann nicht fallen, sie schleichen und wehen wie ein ewiger Ton durchs Lied, der von einer winterlich verstimmten Friedhofsorgel tönt.

"Winterreise": Werner Güra, Christoph Berner (Harmonia Mundi)

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Leserkommentare
  1. Werter Herr Goertz,

    Ihrem Hinweis werde ich folgen und hören, ob er trägt.

    Beste Grüße

    Hräswelger

    • rabin
    • 14. November 2010 14:37 Uhr

    Stimmen zu mögen, ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Güra hat eine sehr schöne Stimme.Im Kreis wirklich lyrischer Tenore ist er gut aufgehoben.

    Dennoch habe ich gewisse Bedenken bei dieser Aufnahme. Es geht weniger um technische Aspekte,wie Aspirations-H oder ein nicht so farbiges Piano, ein etwas zu starkes Forte- auch dies oftmals Geschmackssache.

    Eher die grundsätzliche Frage,ob dieser Zyklus nicht eher bei dunklen Stimmen aufgehoben ist. Ein Hotter, ein früher Fischer-Dieskau, ein Quasthoff haben die dunklen Farben, um die wirkich tiefen Passagen, etwa in den Liedern drei und neun wirklich zu realisieren.

    Es soll ein Kreis düsterer Lieder. Da passt nicht wirklich eine helle Stimme zu.

    Den Einwand, der Uraufführungssänger Vogl sei auch ein Tenor gewesen, lasse ich nur bedingt gelten, denn dieser stand em Ende seiner Karriere und man vemutet, er sei inzwischen eher ein Bariton gewesen.

  2. Redaktion

    Lieber Finderlohn,

    zu den Qualitätsstandards der ZEIT und ZEIT ONLINE gehört, dass Redaktion und Verlag streng voneinander getrennt sind. Sollten sich zeitgleich Rezensionen und Werbung zum selben Produkt auf der Seite befinden, handelt es sich stets um einen Zufall. Wir erlauben uns noch immer einen ehrlichen Enthusiasmus, der nicht für Geld zu haben ist.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

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    • rabin
    • 18. November 2010 18:01 Uhr

    aber der andere Teil, stimmt der wirklich? Fragen sie einmal einen Buchautor, dessen Verlag kein Geld hat, grosse Anzeigen zu schalten. Wie gross die Chance ist, in der Zeitung zu erscheinen. Die erscheinen nicht, weil sie schlecht schreiben? Nee, das glaube ich nicht. Wofür nicht geworben werden kann, das taugt nichts ? Das wäre eine arge Verkürzung.
    Auf der selben Seite steht die Anzeige nicht, auf einer anderen, aber keinerlei Verbindung.

    Das scheint mir eher ein Märchen.

    • rabin
    • 18. November 2010 18:01 Uhr

    aber der andere Teil, stimmt der wirklich? Fragen sie einmal einen Buchautor, dessen Verlag kein Geld hat, grosse Anzeigen zu schalten. Wie gross die Chance ist, in der Zeitung zu erscheinen. Die erscheinen nicht, weil sie schlecht schreiben? Nee, das glaube ich nicht. Wofür nicht geworben werden kann, das taugt nichts ? Das wäre eine arge Verkürzung.
    Auf der selben Seite steht die Anzeige nicht, auf einer anderen, aber keinerlei Verbindung.

    Das scheint mir eher ein Märchen.

    Antwort auf "Schleichwerbung"

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  • Schlagworte Franz Schubert | Kammermusik | Schnee | München
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